Dok. 12-259
Eine jüdische Sozialarbeiterin schildert die dramatischen Szenen, die sich beim Abtransport von Kindern aus dem französischen Lager Drancy Mitte August 1942 abspielten

Eines Morgens gab die petainistische Polizei bekannt, dass

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Philippe Pétain (1856–1951), Berufsoffizier, Politiker; erlangte 1916 als Kommandeur und „Sieger“ in der Schlacht von Verdun große Bekanntheit in Frankreich, 1918 Marschall, 1934 Kriegsminister, 1939 Botschafter in Madrid, im Mai 1940 letzter Regierungschef der Dritten Republik, von Juli 1940 an franz. Staatschef, Juli 1940 bis April 1942 Ministerratspräsident; Aug. 1944 bis April 1945 Exil in Sigmaringen; im Sommer 1945 zum Tode verurteilt, Umwandlung der Strafe in lebenslange Haft.

Handschriftl. Bericht

 

[…]

Eines Morgens gab die petainistische Polizei bekannt, dass alle Frauen abreisen und ihre Kinder zurücklassen müssten. Dieser Befehl stieß auf den Widerstand der Frauen, die zuerst weinten und schrien, dann aktiv Widerstand leisteten, indem sie die Gendarmen mit Flaschen, Steinen und Pflastersteinen bewarfen. Sie reagierten so heftig, dass die Lagerleitung Verstärkung durch die Polizei und deutsches Militär anfordern musste.

Der deutsche Offizier forderte die Frauen auf, in die Baracken zurückzukehren und eine Delegation zu bestimmen. Doch die Delegation wurde vom Kommandanten nicht empfangen.

Am nächsten Tag um 16 Uhr kündigten die Hitler-Schergen über Lautsprecher an, dass die Frauen das Lager am übernächsten Tag um 8 Uhr verlassen und um 6 Uhr von ihren Kindern getrennt würden, von denen jedes sein Gepäck vorbereitet haben sollte.

Jeglicher Widerstand erwies sich als unmöglich. Mit blutendem Herzen trennten sich die Mütter von ihren kleinen Kindern und gingen sorgfältig daran, deren armselige kleine Bündel zu packen, und beschrifteten sie mit ihren Namen.

Am nächsten Tag blieben die kleinen Kinder alleine zurück. In manchen Familien gab es vier bis fünf Kinder zwischen drei und acht Jahren, und das älteste kümmerte sich um die jüngeren. Die Gendarmen versuchten, die Kinder zu beruhigen, doch diese stießen sie empört zurück.

Im August wurden die Kinder mit der Eisenbahn nach Drancy gebracht, jeweils 750 pro Transport, zusammengepfercht in versiegelten Viehwaggons. Unter brütender Hitze reisten sie 12 bis 13 Stunden mit nur einem Eimer Wasser zum Trinken und einem Toilettenkübel pro Waggon. Sie kamen erschöpft und krank in Drancy an.

Wie Sie sich denken können, waren die Toilettenkübel schnell voll. Also riss ein vierzehnjähriger Junge ein Brett aus seinem Waggon und leerte den Kübel aus. Bei der Ankunft des Zuges bemerkten die Nazis diese Untat und der Offizier kündigte an, dass vier erwachsene Juden erschossen würden, wenn sich der Missetäter nicht freiwillig meldete. Da trat der vierzehnjährige Verbrecher erhobenen Hauptes aus der Reihe, sah dem Offizier direkt in die Augen und erklärte: Ich war es. Der Offizier ertrug den geraden und würdevollen Blick des Kindes nicht, wandte sich ab und bestrafte ihn nicht.

In Drancy kamen die Kinder an einem dieser außergewöhnlich heißen Augusttage an. An diesem Tag war die Hitze beinahe unerträglich. Die Autobusse brachten sie um
14 Uhr und ließen sie auf dem berüchtigten, mit Stacheldraht umzäunten Platz raus.

Alle waren völlig erschöpft, ihre Gesichter von der Hitze und Durst gezeichnet. Sie ließen sich auf den Boden fallen und legten ihre kleinen Köpfe auf ihre Päckchen. Die einen hatten ihre Sachen in Kissenüberzügen, andere in Rucksäcken. Die Sonne brannte, die Kräfte waren am Ende. Und man ließ sie dort, dieser bleiernen Sonne ausgesetzt, bis zum Appell um 18 Uhr. Einige Kleinkinder erinnerten sich bereits nicht mehr an ihre Namen. 94 Kinder blieben daher namenlos. Man gab ihnen Nummern, die man ihnen an den Körper band.

Die stumme Verzweiflung der Kinder brach uns das Herz. Die Kleinsten klammerten sich an die Größeren, wie um bei ihnen Schutz zu suchen.

Bis an mein Lebensende werde ich die Szene nicht vergessen können, als sich zwei ganz kleine Blondschöpfe mit hellblauen Augen, drei und viereinhalb Jahre alt, aneinander klammerten und ihre kleinen Arme umeinander schlangen, wie um sich gegenseitig zu beschützen. Sie rollten sich auf dem kleinen Bündel zusammen, das die sorgfältige Hand ihrer Mutter schweren Herzens gepackt hatte. Ihre Gesichter waren voller roter Bläschen von der Hitze und die Lippen vom Durst ausgetrocknet. Ich setzte mich neben sie, nahm sie auf den Schoß und bemühte mich, die zwei kleinen gebrochenen Herzen zu trösten, indem ich sie an meine Brust drückte. Ihre dankbaren Blicke bohrten sich wie Messer in meinen Leib. Leider musste ich mich am Abend von ihnen trennen, denn selbst die Sozialarbeiterinnen durften nicht ins Treppenhaus der Deportationskandidaten.

Der erschreckendste Moment, der grauenhafteste, war der Tag ihrer Deportation, als man sie um halb fünf Uhr weckte, um sie auf dem berüchtigten, von Stacheldraht umgebenen Platz zu versammeln, dem Platz der Durchsuchung. Beim Hinausgehen brach ein einziger Schrei aus: Mama, Mama. Und siebenhundertfünfzig kleine Kinder, manche noch Babys, auf schwankenden Beinen, riefen und schrien nach ihren Teuersten, ihren Liebsten: Mama!

Ganz Drancy schrie: Mama! Mama!

Man versammelte die Kleinkinder, um ihr Gepäck zu durchsuchen, um ihre Kleider zu durchsuchen, beinahe [sogar] die zierlichen Körper, um Geld zu suchen – bei wem? – bei drei- bis achtjährigen Kindern! Man peinigte sie dort bis 8 Uhr, eine wahre Marter, gnadenlos. Ah! Die Banditen, die Polizeiinspektoren, Petains Polizisten! Kein Anflug von Gnade, keine Milde.

Und um 8 Uhr fuhren die Autobusse mit 750 Kleinen ab, begleitet von 250 Frauen, die sie angeblich pflegen sollten.

Für immer!

Ein einziger Gedanke verfolgt mich: Rache!