Dok. 12-204
Die Belgierin Marie José Verplaetse stimmt in einem Brief vom 27. Januar 1943 zu, einen jüdischen Jungen in ihrer Familie aufzunehmen

Lieber Cousin Rafael, Du siehst, dass ich diesmal sehr viel schneller

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Marie-José Verplaetse (*1917), Lehrerin; seit Anfang der 1930er-Jahre Lehrerin in Nieuwenhove; nach ihrer Heirat 1947 Umzug nach Antwerpen.

 

Rafael Verbeke, Priestername: Pater Idesbald (1898–1974), Priester; von 1930 an in der Abtei St. Sixtus, dort stellv. Novizenmeister, Zeremonienmeister und Subprior, 1940–1958 zudem Cellerar.

 

Die Familie bestand aus den Eltern Clement Verplaetse (1881–1949), Lehrer, und seiner Frau Augusta, geb. van den Broucke (1890–1956), sowie den Kindern Marie-José, Léon, Cécile, Jeanne, Julienne, Albert und Julien.

 

Gemeint ist vermutlich Albert Verplaetse, der wie sein Vater Lehrer an der Volksschule in Warengem war.

Handschriftl. Brief an Rafael Verbeke

 

Lieber Cousin Rafael,

Du siehst, dass ich diesmal sehr viel schneller bin mit einer Antwort – denn erst heute Morgen haben wir Deine Postkarte erhalten.

Und es hat mich auch nicht die geringste Mühe gekostet herauszufinden, was unser lieber Cousin aus Westvleteren von uns möchte.

Vater, Mutter, die Brüder und wir Schwestern waren uns vollkommen darüber einig, dass der Junge zu uns kommen kann. „Wo es für neun zu essen gibt, wird der zehnte auch noch satt“, sagten Vater und Mutter. „Sollte man Armut leiden wegen eines Mundes mehr, dort wo Menschen kämpfen, hilft der Herr!“

Nur eine kleine Schwierigkeit musste gelöst werden: „Wo soll der Kleine schlafen?“ Schließlich sind alle Schlafzimmer belegt, wenn wir alle neun zu Hause sind. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Und die drei Brüder haben alles so geordnet, damit sie „dem neuen Brüderchen“ eine gute Schlafgelegenheit bieten können. Wir werden alle unser Bestes tun, damit sich der Kleine bald bei uns eingewöhnt und er sich in unserer Mitte „zu Hause“ fühlt.

Wir werden auch versuchen, ihm so gut und schnell wie möglich Niederländisch beizubringen. Der Junge wird ganz gewiss auch in der Schule sein Bestes geben müssen, denn er wird Schüler von Lehrer Albert! Für das Essen wird Mutter sorgen. Dem Kleinen wird es an nichts fehlen. Nur lässt Mutter darum bitten, lieber Rafael, wenn es denn geht und die Eltern es erlauben, dass der kleine Mann seine Lebensmittelkarte mitbringt. Und ebenso seine Kleidung und ein wenig Unterwäsche, da wir momentan keine Sachen mehr für so kleine Jungen haben.

Du siehst, lieber Cousin Rafael, wir sehnen uns schon alle nach Deinem Kommen mit unserem Stadtmenschlein. Je früher, desto lieber!

Schickst Du uns eine Karte mit der Angabe, wann wir Euch beide erwarten dürfen?

Noch einmal, komm ruhig so schnell wie möglich!

Lieber Cousin, viele herzliche Grüße von uns allem und bis in einigen Tagen, wenn es Gott gefällt!

Deine Cousine