Dok. 12-193
Bulletin du Front de l’Indépendance (Hainaut): Ein Artikel vom Oktober 1942 gibt der belgischen Bevölkerung praktische Hinweise, wie sie den verfolgten Juden helfen kann

Die große Bedeutung der Judenfrage in Belgien wurde auf sehr gelungene

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Die Judenfrage in Belgien

 

Die große Bedeutung der Judenfrage in Belgien wurde auf sehr gelungene Weise von der Presse der Unabhängigkeitsfront erörtert. Von Beginn der antijüdischen Maßnahmen an schien es sicher zu sein, dass die Deportationen nur der Auftakt zu anderen Maßnahmen waren, welche dann die gesamte Bevölkerung treffen sollten. Was wir vorausgesehen haben, ist jetzt Wirklichkeit geworden. Die brutale Hand der Besatzer trifft heute alle Belgier ohne Unterschied. Die Verfolgungen, die uns drohen, dürfen uns aber nicht daran hindern, unseren jüdischen Landsleuten zu Hilfe zu kommen. Im Gegenteil, mehr denn je müssen wir uns mit ihnen solidarisch erklären, um den Unterdrückern die Stirn zu bieten. […]

Es liegt den Belgiern am Herzen, den verfolgten Juden auf effiziente Art zu helfen. Eine ausführliche Untersuchung der Frage erlaubt es uns nun, unseren Komitees praktische Maßnahmen zur Unterstützung der jüdischen Bevölkerung zu empfehlen.

Praktische Hilfsmaßnahmen für die jüdische Bevölkerung

1. Überall die Verbrechen gegen die Juden bekanntmachen. Das Schweigen der unterwürfigen Presse zu diesem Thema ist bezeichnend. Die Bevölkerung einiger großer Städte weiß, was vor sich geht. Die Besatzer fürchten die Empörung des Volkes. Diese Empörung muss geschürt werden, indem alle Belgier darüber aufgeklärt werden, was in Brüssel, Antwerpen, Charleroi, Gent usw. vor sich geht.

2. Den Juden helfen, bei den Razzien Widerstand zu leisten. Bei den Razzien zumindest aus den Wohnungen herauskommen, die Agenten der Gestapo beschimpfen, die eigene Verachtung gegenüber den Soldaten ausdrücken, die sich zu solchen Manövern hergeben, und im Fall von Prügeleien eingreifen, um den Juden zu helfen, sich zu wehren und zu flüchten.

3. Den Juden helfen, sich zu verstecken. Hier ist die Hilfe der regionalen Komitees besonders wertvoll. Die Juden müssen unter der nichtjüdischen Bevölkerung aufgeteilt werden, um sie dem Zugriff der Gestapo zu entziehen, die, wie wir wissen, mit relativ wenigen Leuten arbeiten muss.

Hier einige Vorschläge, die von den lokalen Komitees genau geprüft werden sollten:

1. Die Kinder retten. A. Gibt es nichtjüdische Familien, die ein jüdisches Kind oder mehrere Kinder kostenlos oder gegen eine minimale Entschädigung aufnehmen würden? Wenn die Entschädigung 15 frs. pro Tag erreicht oder überschreitet, ist es besser, die Kinder in Einrichtungen unterzubringen, wo sie ihre Ausbildung fortsetzen können.

B. Gibt es in den Gemeinden ein Sanatorium, eine Schule, eine Krippe, ein Pensionat, ein Kloster, die jüdische Kinder aufnehmen würden?

2. Die Erwachsenen retten. A. Familien finden, die bereit sind, ein Zimmer für einen jüdischen Untermieter bereitzustellen. B. Personen finden, die bereit wären, in eine größere Wohnung zu ziehen, von der ein Teil einer jüdischen Familie zur Verfügung gestellt würde. In diesem Fall sind viele jüdische Familien vermögend genug, um die Kosten des Umzugs, die zusätzliche oder die ganze Miete zu übernehmen, wodurch der Gastgeber kostenlos wohnen könnte.

C. Hotels in der Gemeinde finden, die ein bis vier Pensionsgäste aufnehmen würden, ohne sie zu registrieren.

D. Bei den Gemeindeeinrichtungen vorsprechen (Klöster, Heime, Krankenhäuser etc.).

E. Wohlhabende Familien suchen, die eine jüdische Hausangestellte, ein jüdisches Paar aufnehmen würden, wo der Mann Hausdiener wäre oder andere Dienste verrichten könnte. F. Unternehmen, Bauernhöfe usw. suchen, die einen jüdischen Arbeiter, einen jüdischen Knecht aufnehmen würden.

Für all diese Aufgaben ist es sinnvoll, sich an das Zentrum zu wenden oder es zumindest sofort über alle Schritte zu informieren.

Der Rhythmus der Razzien beschleunigt sich. Es muss also schnell gehandelt werden. Es ist ratsam, in jeder Sektion, in jeder Mitgliedsorganisation eine genaue Liste der Aufgaben zu erstellen und diese sehr gewissenhaft aufzuteilen.

Schließlich wäre es vielleicht gut, wenn das lokale Komitee einen Aufruf verfasst und verteilt. Bei der Abfassung muss streng auf die örtlichen Gegebenheiten geachtet werden. […]