Dok. 12-081
Der Höhere SS- und Polizeiführer Hanns Rauter unterrichtet am 24. September 1942 Himmler über den Stand der Deportationen aus den Niederlanden

Reichsführer! Ich darf Ihnen einen Zwischenbericht über die

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Hanns Albin Rauter (1895–1949), Berufssoldat; 1919–1923 bei Freikorpsverbänden in Österreich und Oberschlesien, 1923–1933 aktiv in antisemitischen Organisationen in Österreich, 1933 Flucht nach Deutschland; 1935 SS-Eintritt; von Mai 1940 an Generalkommissar für das Sicherheitswesen und HSSPF (Höherer SS- und Polizeiführer) in den Niederlanden, dabei u. a. verantwortlich für die Deportation der Juden; im März 1945 bei einem Attentat schwer verwundet; 1948 in den Niederlanden zum Tode verurteilt und 1949 hingerichtet.

 

Dr. Arthur Seyß-Inquart (1892–1946), Jurist; 1931 NSDAP-Eintritt, Mitglied im Deutsch-Österreichischen Volksbund und im Steirischen Heimatschutz; Febr. 1938 Innenminister von Österreich, März 1938 Bundeskanzler und Reichsstatthalter von Österreich, 1939–1940 Stellvertreter des Generalgouverneurs Hans Frank im besetzten Polen, vom 25.4.1940 an Reichskommissar der Niederlande; 1946 im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. 

 

Mit „Bilder-Juden“ waren die Personen gemeint, die in den Niederlanden für Hitlers Museum in Linz oder für Göring Kunstwerke beschaffen sollten.

Geheimes Einschreiben, Den Haag

 

Betr.: Judenabschiebung.

Reichsführer!

Ich darf Ihnen einen Zwischenbericht über die Abschiebung der Juden vorlegen.

Bis jetzt haben wir mit den strafweise nach Mauthausen abgeschobenen Juden zusammen 20 000 Juden nach Auschwitz in Marsch gesetzt. In ganz Holland kommen ungefähr 120 000 Juden zur Abschiebung, worin allerdings auch die Zahl der Mischjuden enthalten ist, die ja zunächst hier bleiben. In Holland gibt es ungefähr 20 000 Mischehen. Im Einvernehmen mit dem Reichskommissar schiebe ich aber auch alle jüdischen Teile der Mischehen ab, sofern aus diesen Mischehen keine Kinder hervorgegangen sind. Es werden dies ca. 6 000 Fälle sein, so daß ca. 14 000 Juden aus Mischehen zunächst hier bleiben.

In den Niederlanden gibt es eine sogenannte „Werkveruiming“, eine dem Niederländischen Sozialministerium unterstehende Arbeitseinrichtung, die Juden zu verschiedenen Arbeiten in geschlossenen Betrieben und Lagern anhält. Wir haben diese Werkveruimingslager bisher nicht angetastet, um die Juden dahinein flüchten zu lassen. In diesen Werkveruimingslagern sind ca. 7 000 Juden. Wir hoffen, bis zum
1. Oktober auf 8 000 Juden zu kommen. Diese 8 000 Juden haben ca. 22 000 Angehörige im ganzen Lande Holland. Am 1. Oktober werden schlagartig die Werkveruimingslager von mir besetzt und am selben Tage die Angehörigen draußen verhaftet und in die beiden großen neuerrichteten Judenlager in Westerbork bei Assen und Vught bei Hertogenbosch eingezogen werden. Ich will versuchen, anstatt 2 Zügen je Woche 3 zu erhalten. Diese 30 000 Juden werden nun ab 1. Oktober abgeschoben. Ich hoffe, daß wir bis Weihnachten auch diese 30 000 Juden weg haben werden, so daß dann im ganzen 50 000 Juden, also die Hälfte, aus Holland entfernt sein werden.

Schon seit Wochen laufen bei den Bevölkerungsregistern in den Niederlanden die Vorarbeiten für die Feststellung der Mischehen, also die Erbringung des Nachweises, daß die arischen Teile der Mischehen tatsächlich arisch sind. Diese 13 000 Mischjuden erhalten auf ihren Judenausweis einen Vermerk, daß sie die Berechtigung haben, in Holland zu bleiben. Ferner werden in derselben Form bearbeitet die Rüstungsarbeiter, die die Wehrmacht unbedingt hier noch braucht, ca. 6 000 + Anhang = zusammen 21 000. Eingeschlossen in diese Zahl sind die Diamantarbeiter aus Amsterdam, ferner gewisse Bilder- und NSB-Juden (20).

Am 15. Oktober wird das Judentum in Holland für vogelfrei erklärt, d.h. es beginnt eine große Polizeiaktion, an der nicht nur deutsche und niederländische Polizeiorgane, sondern darüber hinaus der Arbeitsbereich der NSDAP, die Gliederungen der Partei, der NSB, die Wehrmacht usw. mit herangezogen werden. Jeder Jude, der irgendwo in Holland angetroffen wird, wird in die großen Judenlager eingezogen. Es kann also kein Jude, der nicht privilegiert ist, sich mehr in Holland sehen lassen.

Gleichzeitig beginne ich mit Veröffentlichungen, wonach Ariern, die Juden versteckt gehalten oder Juden über die Grenze verschoben oder Ausweispapiere gefälscht haben, das Vermögen beschlagnahmt und die Täter in ein KZ überführt wurden, das alles, um die Flucht der Juden, die in großem Maße eingesetzt hat, zu unterbinden. [...]

Die neuen Hundertschaften der holländischen Polizei machen sich in der Judenfrage ausgezeichnet und verhaften Tag und Nacht zu Hunderten die Juden. Die einzige Gefahr, die dabei auftritt, ist der Umstand, daß da und dort einer der Polizisten daneben greift und sich aus Judeneigentum bereichert. Ich habe Verhandlungen des SS- und Polizeigerichts vor der versammelten Hundertschaft angeordnet.

Das Judenlager Westerbork ist bereits ganz fertig, das Judenlager Vught wird am 10.-15. Oktober vollendet sein.

Heil Hitler!

Ihr gehorsamst ergebener