Dok. 12-023
Max Lester schreibt seiner Frau und seinen Kindern am 16. Oktober 1943 von seiner Flucht von Dänemark nach Schweden

Liebe Rosa, liebe Kinder und kleine Inga, glaubt

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  • 1943
 
  • 1944
 
  • 1945

Max Paul Lester (*1866), Großhändler.

 

Oscar Leopold Gyllenhammar (1866–1945), Geschäftsmann; sein Unternehmen produzierte Haferflocken.

Handschriftl. Brief

 

Liebe Rosa,

liebe Kinder und kleine Inga,

glaubt mir, ich war so froh, als mir Fräulein Michaelsen bei meiner Ankunft in Helsingborg mitteilte, sie sei überzeugt davon, dass Ihr in Schweden seid – und damit in Sicherheit. Es war ja so, ich wurde am Sonntag um ein Uhr abgeholt und kam erst am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr mit dem schwedischen Patrouillenboot, das uns an der Seegrenze übernommen hatte, in Schweden an. Es war eine schlimme Fahrt. Wir waren zu 32 und kamen gegen 4 Uhr nach Humlebæk, wo wir in zwei Ziegeleiarbeiterhäusern einquartiert wurden, die aus zwei kleinen Zimmern und einer Küche bestanden. Wir sollten dort noch am selben Abend auf einem bereit liegenden Fischkutter eingeschifft werden. Wir bekamen belegte Brote und warteten angespannt darauf, was geschehen würde. Einer der Flüchtlinge war ein Schneidermeister namens Lachmann mit Frau und einem acht Tage alten Kind. Um 11 Uhr abends wurde uns mitgeteilt, dass wir nicht vor den frühen Morgenstunden loskommen würden und uns zur Ruhe begeben sollten. Es gab dort ein Sofa, eine Chaiselongue und ansonsten nur Stühle. Die Mutter mit dem Neugeborenen und die übrigen fünf Kinder wurden zum Schlafen gebracht, nachdem sie etwas zur Beruhigung bekommen hatten, während wir anderen auf den Stühlen herumhingen. Gegen ein Uhr wurden wir alle geweckt. Die Gestapo war im Anmarsch, und wir mussten mit unserem Gepäck hinaus, über ein gepflügtes und sehr matschiges Feld, und uns hinter einer Hecke verstecken. Es war kalt, und wir mussten eine Stunde lang aufrecht stehen. Dann war die Gefahr vorüber. Die Gestapo hatte nichts gefunden und war wieder abgezogen. […] Am nächsten Morgen erhielten wir wieder Kaffee und belegte Brote, und gegen 12 Uhr rollte ein großer Möbeltransporter vor die Tür. Es ist höchst unangenehm, während der Fahrt in einem solchen Gefährt aufrecht zu stehen, und wir gingen davon aus, dass wir jetzt zu unserem Bestimmungsort fahren würden. Aber nein, sie hatten Angst vor einem Verräter und fuhren uns vorläufig zu zwei anderen Arbeiterhäusern. Es waren kleine Villen, und im Grunde waren sie sehr gemütlich. Wir erhielten ein wirklich gutes Mittagessen: gebratenes Schweinefleisch, Bratwurst und Kartoffeln mit Petersiliensauce und es war sehr belebend – wir mussten ja am Montagabend los. Dass es nur abends ginge, wussten wir, doch als gegen 10 Uhr Autos vorfuhren, um uns abzuholen, hob sich die Laune. Aber, ach je, man teilte uns mit, dass die Gestapo noch immer hinter uns her sei und wir erst einmal nach Stevns klint fahren müssten. Das dämpfte die gute Laune bei vielen von uns wieder. Aber siehe da, nach nur einer Stunde Fahrt kreuz und quer durch die Gegend landeten wir bei einem großen Bauernhof. […] ich bekam kein Auge zu in dieser Nacht, […].

Als jedoch die Sonne am Dienstagmorgen aufging und gleichzeitig eine Riesenschüssel mit heißem Kaffee und Brot kam, kehrte auch die gute Laune wieder zurück, […].

Wir wussten, dass wir die Abenddämmerung abwarten mussten, und dann um acht Uhr schlug endlich die Stunde der Befreiung, und in Gruppen von je acht Personen schlichen wir hinunter zum Smidstruper Strand, um auf das Boot zu warten. Eine Dame, die schlecht zu Fuß war, wurde hinuntergetragen. Nach einer halben Stunde forderte uns ein dänischer Polizeibeamter auf, uns auf den Bauch zu legen, da schlug das Herz dann etwas schneller! Etwas geschah um uns herum, doch nach ca. 20 Minuten war die Gefahr vorüber, wir hörten den Motor des Fischkutters und sahen das Ruderboot, das uns zu ihm hinüber bringen sollte. Das Einschiffen dauerte ungefähr eine Stunde, dann setzte sich der Kutter in Bewegung. Die Kinder und das Neugeborene wurden in der kleinen Kajüte untergebracht, wir anderen blieben an Deck. Es herrschte starker Wellengang und Gegenwind, so ging auch die eine oder andere Woge über das Deck. Ich war klitschnass, sogar meine Hosentaschen waren nass. Die Frauen und Kinder erbrachen sich, und dennoch sangen wir, als der Kapitän uns mitteilte, dass wir die Seegrenze zu Schweden passiert hätten „Du gamla, du fria“, [„Du alter, du freier“].

Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt trafen wir auf das schwedische Patrouillenboot und wurden an Bord genommen. Da war die Uhr eins und ein weiteres Mal mussten wir Erwachsenen um einen großen Tisch in der Kajüte sitzend die Nacht verbringen. Sie war hart, diese dritte Nacht, aber wir befanden uns in Sicherheit. Wir mussten mit dem Patrouillenboot weiterfahren und legten nach Schichtwechsel um 8.30 Uhr in Helsingborg an, von wo aus wir mit dem Bus zum Auffanglager in Ramlösa gebracht wurden. Jetzt wohne ich bei meinem geliebten Freund Oscar und fühle mich wie im Himmel. Ich bin glücklich darüber, entwischt zu sein. […]