Dok. 09-291
Kazimiera Poraj schildert am 23. und 24. Juli 1944, wie noch unmittelbar vor der Befreiung versteckte Juden in Lemberg der Polizei übergeben werden sollten

Die Straßen waren am Morgen irgendwie seltsam leer, nur wenige

  • Chronologie
  • Orte
  • Personen
  • Stichworte
  • Skript
 
  • Dummy Pfeil Links
 
  • 1943
 
  • 1944
 
  • 1945

Kazimiera Poraj, geb. Łozińska, war Ukrainerin und lebte in Lemberg.

 

Möglicherweise Wilhelm Münz (1907 oder 1908–1942), der im Janowska-Lager inhaftiert war und im Jan. 1942 im Alter von 35 Jahren in Lemberg umkam.


Die Verfasserin hatte im April 1943 ihrem Tagebuch anvertraut, dass außer ihrem Ehemann drei Frauen namens Frage – eine Mutter mit ihren beiden Töchtern – bei ihr versteckt lebten; diese hatten ihre vorherige Zuflucht verlassen müssen; Herr Frage sei wenige Tage später an Fleckfieber verstorben und dann mit einem Sack bedeckt heimlich zum jüdischen Friedhof transportiert worden; daraufhin hätten die drei Frauen ein anderes Versteck gefunden. 

Tagebuch

23.7.1944
Die Straßen waren am Morgen irgendwie seltsam leer, nur wenige Zivilisten waren unterwegs und auch nicht allzu viele vom Militär. Hier und da läuft ein verschreckter Soldat mit seinen Waffen umher.
Ich ging zum Halicki-Platz und sah Menschen vor dem Gebäude der polnischen Polizei an der Ecke Akademicka-Straße/Halicki-Platz. Ich erfuhr, dass das Gebäude verschlossen und schon menschenleer war. In der Menge sah ich einen Mann und eine Frau mit einem vierjährigen Mädchen. Und was stellte sich heraus? Der Mann hatte die Frau mit dem Kind hergebracht, weil sie Jüdin ist. Sie hatte sich bei einem Postbeamten versteckt, der zusammen mit den Deutschen abgereist war. Als der Mann in die Wohnung des Beamten eindrang, um dort zu plündern, traf er die Frau mit dem Kind an. Sie ist die Frau eines Klempners und heißt Münz. Ihr Mann starb gleich nach dem Einmarsch der Deutschen in Lemberg. Polizisten, denen es offensichtlich nicht gelungen war zu fliehen, schickten die Frau dahin zurück, wo sie hergekommen war, und stauchten den Mann zusammen; er zog beschämt ab. Er schaffte es nur bis zur Ecke der Batory-Straße, dann fiel ein Schuss von irgendwoher und traf den Mann in den Kopf, er war auf der Stelle tot. Die Frau und das Kind nahm ich für diesen Tag und die Nacht zu mir.

 

24.7.1944

Heute vor dem Abend marschierten Truppen der Roten Armee in die Stadt ein. Frau Frage und ihre Töchter überhäuften mich mit Küssen.

Für mich ist das der glücklichste Tag meines Lebens. Erstens ist mein geliebter Mann am Leben, und zweitens habe ich drei Frauen das Leben gerettet: der Frage und ihren Töchtern.

Dennoch fühle ich mich jetzt kaputt und krank. Die Deutschen haben meine Gesundheit zerstört, aber immerhin habe ich das erreicht, wofür ich gekämpft habe.