Dok. 09-131
Eine unbekannte Zeugin schildert ihre Erlebnisse am 6. September 1942 am Umschlagplatz im Warschauer Getto

In der Nacht vom 5. auf den 6. September wecken

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  • 1942
 
  • 1943

Handschriftl. Aufzeichnungen für das Untergrundarchiv des Warschauer Gettos

 

In der Nacht vom 5. auf den 6. September wecken mich um 4 Uhr früh Geräusche in den Nachbarzimmern, auf der Treppe und im Hof. Die Nachbarn informieren mich darüber, dass sich alle Juden bis 10 Uhr früh in den an den Umschlagplatz angrenzenden Straßen versammeln sollen: Gęsia-, Smocza-, Niska- und Nalewki-Straße.

Das sah aus wie das Finale des Spiels, das man 6 Wochen lang mit den Warschauer Juden getrieben hat. Unter den Menschen herrscht eine unbeschreibliche, panische Angst. […]

6 Uhr. Auf den bis heute unbelebten Straßen wimmelt es nur so von Menschen. Es bleiben alles in allem 4 Stunden. In der Smocza-, Nowolipie-, Zamenhofa-Straße schleppen sich Scharen von Menschen dahin. Ein schrecklicher Anblick. Den grauenhaftesten Eindruck machten auf mich die Bündel, Säcke, das Bettzeug und das Gerümpel. Die Menschen glauben immer noch so fest daran, dass sie vielleicht doch […] Und auf der Smocza-Straße ein ganz und gar neuer Anblick. Auf beiden Straßenseiten regeln jüdische Polizisten den Verkehr und überwachen die Grenzen, wobei sie es sich auf Stühlen bequem machen. Wochenlang markierten diese Stühle als stumme Zeugen den Weg der Warschauer Juden zum sog. großen
Umschlag[platz]. […]

Ich stehe auf dem Balkon in der Miła-Straße, mit Blick auf die Miła-, Lubeckiego- und Niska-Straße. Unüberschaubare Massen ziehen durch die Straßen. Ein Strom von Menschen – wie Schlachtvieh, das zum Schlachthof getrieben wird. Hier und dort haben sich bereits Gruppen auf der Fahrbahn, auf dem Bürgersteig und in Ruinen niedergebrannter Häuser niedergelassen – wahre Lagerplätze [sind entstanden]. […]

Einer der jüd. Direktoren verkündet eine erfreuliche Neuigkeit: Vielleicht kehren wir in einer Stunde in unseren alten Block zurück. Unbeschreibliche Freude. […] Die Menschen bringen fieberhaft ihr Aussehen in Ordnung. Jeder möchte besonders „arbeitswillig“ aussehen. […]

Die freudige Stimmung verfliegt. Alle haben böse Vorahnungen, von Weitem nähern sich Unheil verkündend grüne S.S.-Uniformen. Wir stehen jetzt an der Ecke Niska-/Miła-Straße. Vor diesem Ort graust es mir bis heute. Neben uns versammelt sich irgendeine Betriebsstelle, wohl von der Ostbahn. Die in Reih und Glied stehenden Männer tragen ihre Kraft und Vitalität wie auf einem Sklavenmarkt zur Schau: die meisten mit athletischer Figur, in Sporthemden, mit angespannten Muskeln. Deutsche vom Werkschutz kommen und nehmen ihre Sklaven in Augenschein; ich warte geradezu auf die Szene aus „Onkel Toms Hütte“ – dass sie, wie bei Pferden üblich, auch noch die Zähne prüfen, ob sie gesund sind. Es ist schrecklich anzuschauen, wie sich so viele erwachsene und starke Männer reihenweise vor ein paar Deutschen ducken.

Wir gehen ein paar Schritte voran. Es fällt schwer zu gehen, die Rucksäcke drücken, kleine Kinder winden sich zwischen den Beinen, brütende Glut und Hitze.

Direkt an der Straßenecke halten wir an. Die Kontrolle beginnt. Es geht sehr schnell. Ich stehe ziemlich weit hinten, so dass ich nur schwer sehen kann, was passiert. Je näher ich an die Kontrollstelle komme, desto deutlicher sehe ich eine Menschenmenge; auf der rechten Seite wird sie immer größer, Frauen und Kinder, sehr wenige Männer, vor allem Kinder. Jetzt erkenne ich schon deutlich bekannte Gesichter. Vorn bewachen zwei Ukrainer die für die Waggons bestimmte Gruppe. Aus den Fünferreihen gehen immer neue Opfer in diese Richtung. Jetzt ist meine Fünferreihe dran. Vor mir steht eine ganz junge Frau mit ihrem reizenden Kind auf dem Arm. Die Peitsche des S.S.-Offiziers landet auf ihrem Kopf. Der jüdische Polizist drängt sie schnell aus der Reihe, der Frau folgt ihr Mann. Ein aus der Reihe herausgezogener Junge ruft: Mama! Die Mutter ist durchgelassen worden und hat Angst, sich umzudrehen und nach ihrem Kind zu schauen. Ausnahmsweise fielen bei unserer Selektion keine Schüsse. Woanders seien die Menschen gestorben wie die Fliegen, wurde erzählt.

Zwei S.S.-Offiziere kontrollieren uns. Selbstverständlich mit der Peitsche in der Hand. Ein Augenblick: Das Urteil ist gefällt. Die ganze Fünferreihe rennt in Richtung der Freigelassenen. Sie befehlen uns niederzuknien. Wir knien uns hin, eine Fünferreihe nach der anderen. Die S.S.-Leute zählen uns wie Schlachtvieh. Der Firma waren 750 Personen zugeteilt worden. Jüd. Polizisten helfen beim Zählen. Noch nie, bei keiner bisherigen Blockade, sind die Deutschen so gegen die jüd. Polizisten vorgegangen. Sie schlagen sie bei jeder beliebigen Gelegenheit. Es schien, als hätten wir, die wir knien, die Hölle schon hinter uns, doch von wegen! Auf einmal entdeckt ein Deutscher in einer Fünferreihe ein verstecktes Kind. Er zieht es zusammen mit der Mutter heraus. Parallel zu den Reihen der Knienden stehen Wagen und Rikschas mit Gepäck in Reih und Glied, Träger stehen bei den Wagen. Plötzlich tritt ein Deutscher gegen eine Rikscha. Koffer fallen herunter, unter ihnen taucht die Gestalt eines vielleicht fünfjährigen kleinen Jungen auf. Ein jüd. Polizist nutzt eine Unaufmerksamkeit des Deutschen aus und schiebt das Kind in eine Fünferreihe zwischen zwei mit Rucksäcken beladene Mädchen. Die unförmigen Rucksäcke verdecken den Jungen, aber ich sehe wie sein Köpfchen zittert. Dieser Polizist ist der Onkel des Kindes – muss man hinzufügen.

Wir schauen uns nicht mehr um. Nur Schreie und Weinen sind zu hören. […] Wir gehen die leere Smocza-Straße entlang. Der Anblick der Straße ist erschütternd. Auf beiden Seiten die Stühle, auf denen die Polizisten saßen, ganz neue, eben erst genähte, vollgestopfte Rucksäcke liegen in der Gosse – zurückgelassen von jenen, die nach Treblinka fuhren.

Wir gehen weiter. Schon von Weitem sehen wir unser Eingangstor. Alle gehen wir hindurch: Mütter ohne ihre Kinder, Kinder ohne ihre Eltern, Männer ohne ihre Frauen; noch einmal sind wir dem Tod entkommen.