Dok. 09-056
Ein Jude aus Lublin schreibt am 29. März 1942 über die Deportationen aus dem Getto

Liebe Schwester, es fällt mir schwer, auf

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Brief (Abschrift)

 

Lublin, 29. März 1942, Sonntag.

Liebe Schwester,

es fällt mir schwer, auf Deine beiden Briefe zu antworten. Bestimmt hast Du von der Lubliner Aussiedlung gehört, die schon seit 14 Tagen andauert. Keiner weiß, wann es enden wird. 15.000 hat man schon verschickt – Väter, Mütter ohne Kinder. Kinder ohne Eltern. Nackt und barfuß. Ich bin hinaus, ohne irgendetwas [mitzunehmen], habe keine Unterkunft und weiß nicht, wohin. Ungefähr 1000 Tote (möge es Euch nicht treffen) sind tragisch umgekommen. Ich bin noch in Lublin, in einem dunklen Keller versteckt, und habe schon 14 Tage lang kein Tageslicht mehr gesehen. Heute, am Sonntag, bin ich hinaus auf die Straße und zur Post gegangen, ob vielleicht etwas Geld für mich angekommen ist. Es war aber nichts da. Im Keller lebten mein Cousin und ich von Brot und Wasser, das uns jemand brachte.

Ich besitze jetzt nichts mehr. Wann es aufhören wird, weiß keiner. Lublin ist völlig ausgestorben. M.S. und M., alle Kinder und N. hat man gefangen genommen und weggeschickt, wer weiß wohin. Was in Lublin geschehen ist, ist nicht zu beschreiben. Falls man mich festnimmt, habe ich kaum 50 Złoty bei mir, die ich mitnehmen könnte. Es ist nötig, zu P. zu gehen und mit seiner Hilfe zu veranlassen, dass man mir dringend etwas schickt, sodass ich etwas Geld mitnehmen könnte. Wenn ich nur am Leben bleibe. […]

Ich kann nicht mehr schreiben. Vor Hunger sehe ich aus wie schon gestorben. Das wenige, was ich noch gerettet habe, werde ich bestimmt auch noch verlieren. Denn keiner weiß, was der nächste Tag bringt. Die Kranken aus dem jüdischen Krankenhaus und dem Seuchenkrankenhaus sind deportiert worden, und die Krankenhäuser wurden geschlossen. Schreckliche Dinge geschehen in Lublin. Bedenke, was mir bevorsteht. Möglicherweise ist dies die letzte Hilfe für mich. Denn mein Leben ist nicht sicher. Kein Mensch in Lublin ist sicher. Geht sofort zu P. und zeigt ihm den Brief. Sagt ihm, dass in Lublin ein Feuer den Rest der noch verbliebenen Menschen frisst. Helft mir, solange ich noch am Leben bin. Bis dahin werde ich äußerst vorsichtig sein. Wenn es mir nur gelingt. Bei der Gelegenheit: Die 100 Złoty für Lublin habe ich nicht bekommen und werde sie bestimmt nicht bekommen, weil man mich nicht finden wird. Auch weiß ich nicht, durch wen Du sie geschickt hast.

Geld schicke bitte an die Adresse […].

Ich grüße Euch freundlich und herzlich. Küsse Euch aus tiefem Herzen. In der Hoffnung, Euch wiederzusehen und weiterhin zu schreiben.