Dok. 09-041
Tätigkeitsbericht der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe vom 13. Februar 1942 für den Zeitraum vom 1. November 1941 bis 31. Januar 1942

Zufolge der Androhung der Todesstrafe für das unbefugte

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  • 1942

[…] Zufolge der Androhung der Todesstrafe für das unbefugte Verlassen der jüdischen Wohnbezirke geriet die jüdische Bevölkerung allerorten in eine geradezu katastrophale Lage. Viele Einwohner der jüdischen Wohnbezirke, hauptsächlich aber Handwerker und Arbeiter, die früher ihren Unterhalt aus dem wirtschaftlichen Verkehr mit dem flachen Lande, bezw. mit den in der Umgebung gelegenen Städten und Städtchen bezogen haben, büßten alle Erwerbsmöglichkeiten ein, wodurch die Zahl der Hilfs- und Unterstützungsbedürftigen ins Unermeßliche anwuchs. In vielen Ortschaften ist die jüdische Bevölkerung außerstande, die allernotwendigsten Arzneimittel in den außerhalb der jüdischen Wohnbezirke gelegenen Apotheken anzuschaffen, was die Seuchenbekämpfung beträchtlich erschwert.

Aus manchen Ortschaften wurde über Fälle berichtet, daß Juden – trotzdem die Dritte Verordnung eine Aburteilung durch die Sondergerichte vorsieht – ohne Gerichtsverfahren erschossen werden.

Jüdische Wohnbezirke.

Hand in Hand mit den Beschränkungen der Bewegungsfreiheit der Juden ging die Errichtung jüdischer Wohnbezirke, wo es solche noch nicht gab. Dadurch wurde die Wohnungsnot unter den Juden bedeutend vergrößert. Schon früher hatten die Juden in den kleineren Ortschaften recht häufig keine Wohnungen, sie übernachteten in Scheunen und Kammern, und als sie mit Anbruch der kalten Jahreszeit dieselben nicht länger benutzen konnten, mußten sie Häuser beziehen, die vollständig leer waren und nicht einmal [einen] Küchenherd hatten. Nicht selten mußten sie jedoch noch in provisorischen Bretterbuden hausen und auf Dachböden nisten, da es nicht mehr gelang, sie in andere Wohnräume hineinzupferchen. Auch wo sie Wohnungen haben, sind sehr oft 2–3 Familien in einem Zimmer zusammengedrängt. […]

Die jüdischen Siedlungen in den Dorfgemeinden wurden liquidiert und die Juden in die nächstgelegenen Ortschaften ausgesiedelt. Viele Juden, die in den Dörfern, sei es als Handwerker, sei es als Hirten, Hausknechte, Diener und dgl., bei Bauern Arbeit und Brot gefunden haben, mußten ihre Arbeitsstätten verlassen. Auch dadurch hat sich die Zahl der Erwerbs- und Mittellosen in den jüdischen Wohnbezirken zusehends vermehrt.

[…]

Lage der Aussiedler [aus anderen Gettos].

Fast alle Aussiedler leben in überaus schweren Bedingungen. Besonders schwer leiden sie unter der Strenge des Winters, da sie förmlich nackt und barfuß sind. Es gibt unter ihnen zahlreiche Familien, die aus je 7 oder 8 Personen bestehen und kein einziges Paar Schuhe besitzen. Besonders peinlich sind die Zustände in den Aussiedlerasylen, wo es an Wäsche, Kleidung, Schuhwerk, Strohsäcken, Decken und Bettzeug, also so gut wie an allem fehlt. Die oft viel geringere Zahl der einheimischen Juden ist beim besten Willen nicht in der Lage, die Aussiedler, die nicht selten außerstande sind, das kontingentierte Brot zu bezahlen, zu beherbergen oder gar zu verpflegen. Viele Aussiedler liegen krank am Boden, in Fetzen, ohne ärztliche Hilfe, von Hunger und Kälte geschwollen. Als Folge dieser Notlage wächst die Sterblichkeit unter ihnen in bedeutendem Maße an. Auch in Ortschaften, wo sie bloß einen verhältnismäßig geringen Teil der Bevölkerung ausmachen, geben sie 90 % der Sterbefälle ab. Menschen in blühendem Alter erkranken plötzlich aus unersichtlichem Grunde an Fieber und gehen gewöhnlich nach einigen Tagen zugrunde. Selbst Personen von starker Konstitution, denen der kräftige Herzmuskel zur Überwindung des Fiebers verhalf und die ins Rekonvaleszentenstadium hinüber gerettet werden konnten, gehen elend zugrunde, da sie keine Nahrungs- und Erholungsmittel bekommen. […]  

Der Hunger und die Kälte dezimieren unnachsichtig die Reihen der armen Bevölkerung, insbesondere der Aussiedler. In Warschau ist die Sterblichkeit, die in den Monaten November und Dezember etwas gesunken ist, im Januar wieder beträchtlich angestiegen, u. z. von 4801 im November 1941 und 4366 im Dezember 1941 auf 5123 im Januar 1942. Aber auch außerhalb Warschaus wuchs die Sterblichkeit gewaltig an, manchenorts im Vergleich zu den Vormonaten um volle 100 %. Die Sterblichkeit erreicht mitunter geradezu phantastische Ziffern. So starben beispielsweise in Opole im Laufe des verflossenen Jahres 18,8 % der Vorkriegseinwohner, 21,4 % unter den Aussiedlern aus Wien und 24 % der Aussiedler aus dem Generalgouvernement. In den allermeisten Fällen werden auch dort, wo Seuchen herrschen, Hunger, Kälte, allgemeine Erschöpfung als Todesursache festgestellt. […]