Dok. 07-331
Der Schriftsteller Emil Dorian hält am 14. April 1944 seine Begegnung mit einem aus Transnistrien repatriierten Waisenkind in seinem Tagebuch fest

Vielleicht wird Claruţa einmal

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Emil Dorian (1892–1956), Arzt; Schriftsteller und Übersetzer deutscher Literatur;
1945–1948 Generalsekretär der Jüdischen Gemeinde Bukarest.

 

 

Margareta Dorian, Tochter von Emil Dorian.

 

[…] Vielleicht wird Claruţa einmal ihre Erinnerungen schreiben. Zweifellos in hebräischer Sprache. Vorerst versorgt sie ihre Umgebung mit Schilderungen tragischer Begebenheiten ihrer jungen Existenz, die von einer erschütternden Bildhaftigkeit sind.

Claruţa ist neun Jahre alt und gehört einer bestimmten Gruppe von Waisenkindern an – jenen wenigen hundert, die aus Transnistrien zurückgekehrt sind und nach Palästina geschickt werden sollen. Ihr kleiner Körper, dessen Entwicklung zum Stillstand gekommen zu sein scheint, ist gezeichnet von den Verheerungen der Unterernährung: aufgedunsener Bauch, dünne Beine. Ihre Haare sind wie die eines Jungen geschnitten. Große, lebendige Augen, voller Intelligenz und ständig in fiebriger Bewegung, um alles in ihrer Umgebung zu beobachten, spiegeln das durchlebte Elend, lebenskluge Weisheit und die Duldsamkeit einer Heiligen wider. Sie ist Bukaresterin. Als sie sechs Jahre alt war, haben die Eltern sie nach Czernowitz mitgenommen, zum Besuch eines Onkels. Dort wurden sie von der Deportation nach Transnistrien überrascht, wo sie drei Jahre gelebt haben. Jetzt befindet sie sich im Haus unserer Freunde, die ihr Kleidung gegeben haben und sie bis zum Augenblick ihrer Abfahrt nach Palästina mit Liebe umsorgen. Sie nahmen sie zu uns mit, und wir haben einen ganzen Nachmittag mit ihr verbracht und ihren Erinnerungen und Kommentaren zugehört. Claruţa ist ein alter Mensch, in dem das Leid jeglichen kindlichen Überschwang vernichtet, alle Gefühlsregungen zum Absterben gebracht hat. Ihr Bericht über die geografischen Gegebenheiten und die politischen und sozialen Aspekte der Deportation war wie allerobjektivste Geschichtsschreibung.

„Und verließen alle Juden Czernowitz?“

„Nein. Die, die Geld hatten und bezahlt haben, blieben. Aber es war nur eine Illusion. Sie haben sich das Recht auf den dritten Transport erkauft.“

„Und wie habt ihr in Mogilev gelebt?“

„Die Reichen haben gut gelebt, die Armen sind verreckt!“

Über den Tod spricht sie so distanziert, dass es einen fröstelt. „Was bedeutet das schon, der Tod, das Leben? Jeden Tag, wenn ich aufstand, sah ich tote Jungen und tote Mädchen. Trat auf Leichen. Ich weiß nicht, wie ich davongekommen bin.“

Sie hat sich von roten Rüben und Kartoffelschalen ernährt, Borschtsch oder Kartoffelgerichte verursachen ihr jetzt Ekel. Sie kennt sich aus mit Medizin und Hygiene, weiß über die Psychologie der Menschen Bescheid und erteilt allen Ratschläge. Erschreckend ist ihr Hass auf Christen, vor denen sie körperliche Angst verspürt. Ein Freund war zu Besuch zu Margareta gekommen. Sie sah, wie er in ihr Zimmer ging, und plötzlich brach sie neben uns schreiend in Panik aus: „Dort ist ein Christ. Schnell! … Werft ihn raus!“

„Er ist kein Christ, Mädchen! Woher willst du das wissen?“

„Er redet rumänisch!“

Sie will unter keinen Umständen rumänisch sprechen, obwohl sie sowohl in Bukarest als auch in Transnistrien die rumänische Schule besucht hat. Sie hat extra jiddisch gelernt, um das Rumänische vermeiden zu können.

 „Ich will nicht, ich muss nicht! Ich bin Jüdin, und kein Jude darf zu einem Rumänen oder zu einem Deutschen Kontakt haben. Er muss nach Palästina ziehen!“

Ihr Bild von Palästina ist geprägt von dem Hunger, gegen den sie kämpfen musste: „Dort gibt es Datteln und Feigen und Orangen, und man kann viel und gut essen!“

Manchmal verstummt sie abrupt inmitten eines lebhaften Gesprächs, blickt gedankenverloren ins Leere. Sie hat Sehnsucht nach den Eltern. Sie tröstet sich selbst, indem sie einfach sagt, ihre Mutter werde kommen und sie zu sich holen, obwohl sie weiß, dass ihre Mutter tot ist. Ein anderes Mal beginnt sie allein zu singen: ein herzzerreißend trauriges Lied, in dem das Kind seine tote Mutter auffordert, es zu sich zu holen. Sie singt es ohne die geringste Gefühlsregung, und mit großem Interesse beobachtet sie an den Gesichtern der Zuhörer, wie sehr es alle quält. Als sie dann einen Leuchter sieht, verlangt sie plötzlich ganz ungestüm eine Kerze: „Wofür?“

„Ich will sie für Hitler anzünden und ein Totenlied für ihn singen!“

Und wieder beginnt sie auf Jiddisch zu erzählen. Czernowitz, die Brücke über den Pruth, wo der Zug heruntergefallen ist, das Getto, das Waisenhaus, die Krankheit und der Tod. Claruţa weiß viel. Wie all ihre Kameraden, denen das Leid die Intelligenz geschärft und die Empfindsamkeit weggehobelt hat. Mit einem verhaltenen Lächeln sagte sie über zwei 13-jährige Mädchen, dass „sie einen dicken Bauch hatten, weil sie Bohnen gegessen hatten … Die Offiziere waren nett zu ihnen“, ergänzt sie mit erloschener, tonloser Stimme …