Dok. 07-273
Elchanan Elkes schreibt seinen Kindern Joel und Sarah im Spätherbst 1943 über das Leben im Getto Kovna (Kaunas) und dessen bevorstehende Auflösung

Geliebter Sohn, geliebte

  • Chronologie
  • Orte
  • Personen
  • Stichworte
  • Skript
 
  • Dummy Pfeil Links
 
  • 1943
 
  • 1944
 
  • 1945

Dr. Elchanan Elkes (1882–1944), Arzt; Medizinstudium in Königsberg, von 1919 an Arzt in Kaunas, seit Aug. 1941 Vorsitzender des Ältestenrats, im Herbst 1943 in das KZ Riga-Kaiserwald gebracht, im Juli 1944 mit anderen Überlebenden über das KZ Stutthof in das KZ Dachau deportiert. Dem Ältestenrat gehörten Leib Garfunkel als stellv. Vorsitzender sowie Jakob Goldberg, Dr. Ephraim Rabinowitsch, Schmuel-Abba Snieg und Michael (Moisei) Kopelman an.

 

Dr. Joel Elkes (*1913), Psychiater; geb. in Königsberg, emigrierte 1931 nach England; gründete 1951 die Abt. für experimentelle Psychologie an der Universität Birmingham, ging 1957 in die USA, dort Dekan der Fakultät für Psychiatrie an der Johns Hopkins University in Baltimore.

 

Sarah Elkes, Sozialwissenschaftlerin; emigrierte 1937 nach England, wo sie die Kriegsjahre verbrachte; 1962–1972 Dozentin am National College for Youth Leaders in Leicester. 

Geliebter Sohn, geliebte Tochter!

[…]

Gedenket, beide, dessen, was Amalek uns angetan hat. Gedenket, und vergesst es Euer ganzes Leben nicht, und gebt es als heiliges Testament an die kommenden Generationen weiter. Die Deutschen haben uns mit völliger innerer Ruhe getötet, geschlachtet, ermordet. Ich habe sie gesehen, ich habe neben ihnen gestanden, als sie viele tausend Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge in den Tod schickten. Wie aßen sie mit Appetit ihr Frühstücksbrot, während sie zugleich unsere Märtyrer verlachten und verspotteten. Ich sah sie, als sie vom Tal des Todes zurückkehrten, von Kopf bis Fuß mit dem Blut unserer Geliebten verschmutzt. In besserer Stimmung saßen sie dann an ihrem Tisch, tranken und aßen und hörten leichte Musik aus dem Radio. Sie sind professionelle Henker.

Die Erde Litauens wurde von den Litauern selbst mit unserem Blut genässt, von jenen, mit welchen wir Jahrhunderte zusammengelebt haben und denen wir mit unseren Soldaten geholfen haben, ihren unabhängigen Staat zu gründen. 7000 unserer Brüder und Schwestern wurden hier von den Litauern in den letzten Tagen des Juni 1941 barbarisch ermordet, und in den abgelegenen Städten ermordeten sie selbst und niemand anderes auf Befehl der Deutschen ganze Gemeinden. Mit besonderem Vergnügen haben sie, aus eigenem Antrieb, in Höhlen und in den Gruben gesucht, auf den Feldern, in den Wäldern, und trieben von dort die restlichen Überlebenden zusammen, um sie den Autoritäten zu übergeben. Wünscht ihnen nichts Gutes Euer Leben lang. Verflucht und verbannt seien sie und ihre Kinder und alle kommenden Generationen!

Ich schreibe zu einer Zeit, in der viele verzweifelte Seelen, viele Witwen und Waisen, in Lumpen gekleidete Menschen und Hungernde meine Türe belagern mit der Bitte um unsere Hilfe. Meine Kraft schwindet dahin, in mir ist Wüste und Leere, meine Seele ist entflohen und ich bin nackt und leer und kann kein Wort hervorbringen. Doch Ihr, meine Geliebten, blickt in mein Herz und Ihr werdet verstehen, was ich Euch in diesen Stunden sagen wollte und zu sagen begehrte. Und nun schließe ich meine Augen für einen Moment und sehe Euch beide vor mir. Ich umarme und küsse Euch, und ich sage Euch, dass ich Euer liebender Vater bin, bis zu meinem letzten Atemzug.

Elchanan

[…]