Dok. 07-256
Gabriel Ziwjan berichtet dem Jüdischen Weltkongress in Genf Ende September 1942 über die Judenverfolgung in Riga und das Massaker vom Herbst 1941

Bericht über Lettland. Von einem Augenzeugen erhalten wir

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  • 1942
 
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Gabriel Ziwjan (*1923), Medizinstudent; floh am 18.12.1941 aus dem Getto Riga, erhielt von einem Freund gefälschte Papiere auf den Namen Gunaars Ciirulis, meldete sich im Juni 1942 zum RAD (Reichsarbeitsdienst) und wurde nach Stettin gebracht, im Sept. 1942 Flucht in die Schweiz; nach 1945 emigrierte er in die USA.

 

Dr. Rudolf Blumenfeld (1892–1942), Arzt, starb 1942 im KZ Kaiserwald bei Riga; Minz: vermutlich Moritz Mintz (1903–1941), Jurist; Grischa Minsker; Esra Kaufer, ehem. Direktor der Textilfabrik Zasalaiks; bei dem „deutschen Juden“ handelte es sich um Dr. Schlitter, Staatsrat aus Wien, der sich in Riga niedergelassen hatte.

Bericht von Gabriel Ziwjan

 

Bericht über Lettland

Von einem Augenzeugen erhalten wir den folgenden Bericht über die Ausrottung der lettischen Juden:

Als die deutschen Truppen im Juni 1941 in Lettland einmarschierten, gab es im Gebiet dieses Staates ungefähr 100 000 Juden, wovon etwa 32 000 in Riga [lebten]. Die Russen hatten, bevor sie das Land verließen, am 16. 6. 41, etwa 3 – 4000 Juden ins Innere Russlands verschickt, wobei es sich um Personen handelte, die vom russischem Standpunkt aus als politisch nicht zuverlässig angesehen wurden. […]

Der Einmarsch der Deutschen in Riga am 1. Juli versetzte die Juden in eine große Panikstimmung. Zunächst wurden wahllos Juden aufgegriffen und zur Zwangsarbeit verwandt. Jedwede Arbeit, insbesondere Aufräumungsarbeiten, wurden ihnen zugeteilt. 1 – 2000 Menschen wurden gleichzeitig verhaftet und ins Gefängnis eingeliefert. Später wurde bekannt, daß sie am 20. Juli in einem Walde erschossen worden sind.

Am 3. Juli begannen nachts wilde Aktionen der lettischen Polizei (der sog. Hilfspolizei), die in die Wohnungen eindrang und alles mitnahm, was ihr gefiel. Sie forderte gleichzeitig die Juden auf, sich am nächsten Morgen bei der Präfektur zur Arbeit zu melden, sie sollten dies freiwillig tun, sonst würde es ihnen noch schlimmer ergehen. Diese Aktion stellte in Wirklichkeit eine regelrechte Raubkampagne der lettischen Polizei dar, die ohne Auftrag und ohne Befehl eigenhändig vorging. Am nächsten Tage meldete sich ein großer Teil der Juden freiwillig zur Arbeit. Ein wahres Bild des Grauens bot sich, als man über 60 Jahre alte Juden dabei beschäftigt sah, Autos zu waschen und andere mühevolle Arbeit zu verrichten, wobei sie dauernd von den umstehenden Aufpassern beschimpft und misshandelt wurden. Die meisten wurden bei den Aufräumungsarbeiten beschäftigt, hatten zwölf Stunden Arbeit zu leisten und bekamen dabei nichts zu essen. Diejenigen, die nicht von diesen Maßnahmen unmittelbar betroffen wurden, hielten sich in ihren Häusern versteckt. An eine Aufnahme der alten Arbeit war nicht zu denken, eigene Geschäfte besaß man nicht mehr, und an die Geschäfte, in denen man unter der russischen Okkupation angestellt war, zu gehen, traute man sich nicht. Gleichzeitig wurde eine Verordnung veröffentlicht, wonach es Juden untersagt war, sich vor Läden in Reihen anzustellen; dadurch wollte man verhindern, daß die Juden Lebensmittel einkaufen können. […]

Ende Juli mußten alle Juden sich registrieren lassen. Nach zwei Tagen wurde eine Verordnung veröffentlicht, wonach alle Juden den Judenstern auf der linken Brustseite zu tragen hätten. Zwei Tage später wiederum verordnete eine neue Anordnung, daß der Stern nicht auf der linken, sondern auf der rechten Seite zu tragen sei.

Da die Juden weder ein Radio besitzen noch eine Zeitung kaufen durften, hatte kein Jude von dieser Änderung Kenntnis. Die Folge war, daß viele Juden, die in Unkenntnis der neuen Anordnung diese nicht beachtet hatten, auf den Straßen verhaftet wurden. Im August wurden dann auch die Frauen zu den Zwangsarbeiten herangezogen. Gleichzeitig begann eine Aktion seitens der Letten, die den Zweck hatte, alle Wohnungen zu beschlagnahmen, die Juden mußten ihre Wohnstätten räumen und wurden auf die Präfektur geführt. […]

Kurze Zeit darauf wurde eine neue Verordnung verkündet, wonach die Juden den Judenstern nicht nur vorne, sondern auch hinten auf dem Rücken zu tragen hätten, damit man sie von allen Seiten leicht erkenne. Es wurde dann Juden ferner verboten, auf den Trottoirs der Straßen zu gehen, sie mußten vielmehr auf dem Fahrdamm gehen. Während der Monate Juli und August trugen sich furchtbare Szenen in der gesamten lettischen Provinz zu. In den kleinen Dörfern wurden Einzelaktionen gegen alle Juden bereits im Juli durchgeführt. Juden mußten Gräben ausheben und wurden nach einigen Tagen mit ihren Frauen und ihren Kindern erschossen. In den größeren Dörfern wurden die gleichen Aktionen mit derselben Brutalität im Laufe des Monats August durchgeführt. So wurde innerhalb zweier Monate die gesamte lettische Provinz von Juden „gesäubert“.

Gegen Ende August – Anfang September tauchte zum ersten Male das Projekt der Einrichtung eines Ghettos in Riga in der Moskauer Vorstadt von Riga auf. […] Ein jüdisches Komitee wurde konstituiert, das mit der Einrichtung des Ghettos betraut wurde und das in der Folge die Funktionen eines Judenrates hatte. Dieses Komitee bestand aus den Herren Dr. Blumenfeld, Advokat Minz, Minsker, Blumenau, Eliaschoff, Kaufer und einem deutschen Juden, der jedoch bald verhaftet wurde und verschwand.  Das Komitee setzte zunächst fest, daß pro Person 5 m2 Wohnfläche zugeteilt werden sollen. Seine Hauptaufgabe bestand darin, Wohnungen zuzuteilen und bereitzustellen. Mitte September wurde um das Ghetto ein Zaun gebaut. […]

Eine Verordnung, die um diese Zeit erlassen wurde, sah vor, daß die Aussiedlung bis zum 22. Oktober beendet sein müsse. Am 25. Oktober wurde das Ghetto geschlossen und von der Außenwelt separiert.

Die innere Verwaltung des Ghettos stand unter der Leitung des oben genannten Komitees. Eine jüdische Ghetto-Polizei wurde gegründet, die mit Gummiknüppeln ausgerüstet wurde. Angesichts der großen Wohnungsnot setzte das Komitee die Wohnfläche pro Person von 5 m2 auf 3 m2 herab. […]

Am Tage nach der Schließung des Ghettos kamen morgens die Deutschen vor das Ghetto, um die Juden zur Arbeit abzuholen. Alle Juden mußten sich vor dem inneren Tor des Ghettos versammeln, während die Deutschen auf der Außenseite des Tores sie erwarteten. Da etwa 15 000 Juden zur Arbeit gehen mußten, war ein unbeschreibliches Durcheinander. Niemand fand seine Stelle, bei der er arbeiten mußte, und erst allmählich wurde eine Organisation geschaffen, wonach sich die Juden, die in verschiedenen Betrieben und für verschiedene SS- und Militärdienste arbeiteten, an bestimmten mit Schildern bezeichneten Stellen aufstellen mußten. Für jede Arbeitsstätte wurde ein sog. „Judenkönig“ bestimmt, der die Ordnung bei den Juden aufrechtzuerhalten hatte. Gleichzeitig wurde ein jüdisches Arbeitsamt organisiert, daß alle Juden mit Arbeitszetteln zum Verlassen des Ghettos versah. Nur wenige (ca. 100) durften als Einzelgänger das Ghetto verlassen, die anderen mußten in den kollektiven Zügen morgens aus dem Ghetto hinaus- und abends zurückgehen. An Arbeit selbst wurde ungefähr alles geleistet, was nur zu leisten ist: Schwerarbeit, Leichtarbeit, mechanische- und elektrotechnische Arbeiten, Aufräumungsarbeiten, Stiefel putzen, Bedienung der deutschen Truppen usw., Reinigung von Häusern (sogenannte Wanzen-Kolonnen), kurz alles überhaupt nur als Arbeit in Frage Kommende. Ein Lohn für die Arbeit wurde nicht gewährt. […] Viele, die am Morgen zur Arbeit aus dem Ghetto herausgeführt wurden, versuchten Uhren, Handschuhe, Strümpfe gegen Lebensmittel einzutauschen. Am Abend beim Eintritt ins Ghetto wurde ihnen jedoch alles abgenommen, und sie wurden darüber hinaus geschlagen. Es wurde verordnet, daß die deutschen Dienststellen den jüdischen Arbeitern zwar etwas zu essen geben dürften, daß aber nichts ins Ghetto hereingebracht werden dürfte.

So blieb die Situation bis zum 28. November. An diesem Tage wurde ein Dekret erlassen, wonach ein Bezirk des Ghettos von seinen Bewohnern frei gemacht werden sollte. Alle Juden, die bisher in diesem Bezirk des Ghettos gewohnt hatten, wurden in den anderen Teil des Ghettos überführt. Der auf diese Weise geleerte Teil des Ghettos wurde wiederum abgezäunt und als Kleines Ghetto installiert. Alle Männer, die in deutschen Dienststellen außerhalb des Ghettos arbeiteten, mußten in dieses neue Ghetto übersiedeln. Die Frauen und Familien dieser Männer blieben im alten großen, aber verkleinerten Ghetto. Auf diese Weise wurden etwa 4000 Menschen in das kleine Ghetto eingesiedelt. Die Verhältnisse in diesem neu geschaffenen kleinen Ghetto waren fürchterlich. Es war noch weniger Platz als im alten Ghetto. In einem kleinen Zimmer mußten 16 Menschen wohnen, 5 Menschen schliefen zusammen in einem Bett.

Am 29. November wurde eine Verordnung erlassen, daß alle arbeitsfähigen Männer von 18 bis 60 Jahre sich am neuen Ghettorayon am 30. November aufzustellen haben und daß die übrige Bevölkerung in Lager verschickt werde. Jede Person hatte das Recht, 20 kg Gepäck mitzunehmen. Am 30. November wurden alle Kranken und über 60 Jahre alten Menschen nach Hause geschickt, und auch alle Ärzte wurden zur Behandlung in den Kliniken im Ghetto entlassen. In der Nacht vom 30. November bis 1. Dezember wurden 8000 Personen aus dem großen Ghetto versammelt. Jeder hatte 20 kg Gepäck bei sich. Die Menschen blieben die ganze Nacht über im Freien stehen und wurden am 1. Dezember unter großer Bewachung der lettischen Hilfspolizei unter deutscher Leitung fortgeführt. Eine besondere Grausamkeit bestand darin, daß man die Menschen vor dem Zaun, der zum kleinen Ghetto führte, vorbeiziehen ließ, sodaß der Transport vor den Augen der angehörigen Männer vor sich ging. Die Behandlung der Menschen war brutal, wer nicht Schritt halten konnte, wurde kurzerhand erschossen. Die Menschen wurden, wie man später erfuhr, in zwei Wälder in der Nähe von Riga geführt, den Bickernschen Wald und den Wald bei Zarnikau, wo sie sämtlichst kurzerhand erschossen wurden. Nach dieser Massenexekution verblieben im großen Ghetto noch ca. 16 000 Menschen.

[…]

Am 7. Dezember wurde angeordnet, daß alle Frauen um 7 Uhr abends zuhause sein müssen. In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember wurden alle Menschen, die noch im großen Ghetto waren, d. h. ca. 16 000 Menschen, auf die gleiche Weise fortgeführt wie eine Woche zuvor die 8000. Wie man später aus einem Bericht des lettischen Ghetto-Kommandanten, der diese Äußerungen in etwas angetrunkenem Zustand von sich gab, erfuhr, wurden die 16 000 Menschen in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember in die Wälder geführt. Russische Kriegsgefangene mußten 3 – 4 Meter tiefe Gräben ausheben, dann wurden Männer und Frauen gesondert aufgestellt. Alle Wertgegenstände mußten auf einen Haufen geworfen werden. Die Menschen mußten sich ausziehen, und zwar die Männer splitternackt, die Frauen durften ein Hemd anbehalten, und sämtliche Kleider mußten auf einen zweiten Haufen geworfen werden. Dann wurde der Befehl erteilt, daß sich die Männer nackt in die Gräben zu legen hätten. Hierauf wurden von fünf oder sechs deutschen Maschinengewehrschützen die in den Gräben liegenden Männer durch Maschinengewehrfeuer erschossen. Die nächste Gruppe mußte sich auf die noch warmen Leichen legen und wurde auf dieselbe Art und Weise ermordet. Die Frauen und Kinder erlitten dasselbe Schicksal. Auf diese Weise kam die gesamte restliche Bevölkerung des großen Ghettos von Riga in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember um.

Dieser von dem Ghetto-Kommandanten stammende Bericht wurde später von einer Reihe von Mitgliedern der lettischen Polizei, die dem Schauspiel zugesehen hatten, bestätigt.

In Riga selbst konnte man sich insofern von der Wahrheit dieses Berichtes überzeugen, als kurz darauf die Kleider und Wäsche der ermordeten Juden öffentlich durch die Straßen Rigas getragen wurden, wobei man an den Kleidern die aufgenähten Judensterne sehen konnte. Diese Kleider wurden dann nach Deutschland geschickt.

Die Aktion geschah unter der Leitung der Deutschen. Es waren deutsche Schützen, die das Mordhandwerk verrichteten. Die Aktion konnte jedoch nur unter starker Beteiligung von hunderten von lettischen Polizisten vor sich gehen, die die Bewachung und Absperrung zu besorgen hatten. Die meisten der an dieser Aktion beteiligten lettischen Hilfspolizisten wurden später an die russische Front geschickt, damit ihr Zeugnis verwischt werde. […]

Im Dezember war das alte Ghetto leer, und nun trafen aus Deutschland die deportierten Juden aus Düsseldorf, Köln, Mannheim usw. ein. Einige Züge erreichten Riga mit Waggons, in denen sämtliche Deportierten erfroren waren. […]

Über die Zeit von Ende Dezember 1941 bis Juni 1942 kann unser Berichterstatter nur wenig Auskünfte geben, da er sich um diese Zeit auf dem Lande versteckt gehalten hat.

Im Juni 1942 war er erneut in Riga und berichtet darüber. Von den deutschen Juden war keine Spur mehr zu sehen. Sie scheinen alle umgekommen zu sein. Die Rigaer Juden des kleinen Ghettos schienen in dem Moment noch dort zu sein. Er hat verschiedene Bekannte, die den Judenstern trugen, auf dem Wege zur Arbeit in Rigaer Straßen gesehen. […]