Dok. 07-243
Der Ältestenratsvorsitzende des Gettos von Kaunas schildert am 7. August 1942, wie das Geburtenverbot durchgesetzt wurde

Bericht über die Verordnung betreffs Schwangerschaften im

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  • 1942
 
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Albert Helmut Rauca (1908–1983), kaufmännischer Angestellter; von 1928 an bei der sächs. Staatspolizei; 1931 NSDAP-, 1936 SS-Eintritt; von 1936 an bei der Gestapo Plauen, leitete von Juni 1941 an stellv. das Rollkommando Hamann des Einsatzkommandos 3, bis 1943 Leiter des Judenreferats beim KdS (Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes) Litauen; 1945/46 in US-Gefangenschaft, 1950 Auswanderung nach Kanada, Hotelbesitzer, 1983 Auslieferung nach Deutschland, in Untersuchungshaft gestorben.

 

Dr. Elchanan Elkes (1882–1944), Arzt; Medizinstudium in Königsberg, von 1919 an Arzt in Kaunas, seit Aug. 1941 Vorsitzender des Ältestenrats, im Herbst 1943 in das KZ Riga-Kaiserwald gebracht, im Juli 1944 mit anderen Überlebenden über das KZ Stutthof in das KZ Dachau deportiert. Dem Ältestenrat gehörten Leib Garfunkel als stellv. Vorsitzender sowie Jakob Goldberg, Dr. Ephraim Rabinowitsch, Schmuel-Abba Snieg und Michael (Moisei) Kopelman an.

Bericht über die Verordnung betreffs Schwangerschaften im Ghetto

Am 28. Mai d.J. [diesen Jahres] ist der Vorsitzende des Ältestenrates Herr Dr. Elkes vom Herrn Hauptscharführer Rauca im SD [Sicherheitsdienst] zu einer Besprechung empfangen worden, im Verlaufe welcher Herr Rauca erklärt hat, daß Schwangerschaften im Ghetto nicht geduldet werden dürfen. Auf Einwendung des Vorsitzenden des Ältestenrates, daß Unterbrechung von Schwangerschaften vom 6ten Monat ab als künstliche Frühgeburten anzusehen sind und eine solche eine Gefahr für das Leben der Mutter in sich birgt – hat sich Herr Hauptscharführer Rauca damit einverstanden erklärt – solche als Ausnahme ihren Lauf gehen zu lassen.

Infolge dieses Gespräches hat Herr Dr. Elkes am 29. Mai d.J. die leitenden Ärzte des Ghetto-Krankenhauses und des Gesundheitsrates sowie die im Ghetto beschäftigten Frauenärzte zu sich gebeten und angeordnet, daß im Bezug auf die Schwangerschaften fortan gemäß der von Herrn Rauca abgegebenen Erklärung streng verfahren werden müsse. Demgemäß sollen Vorkehrungen getroffen werden, daß in der Zukunft Schwangerschaften überhaupt nicht mehr vorkommen und daß dieselben innerhalb 2 3 Monaten im Ghetto vollständig verschwunden sein müssen. Die angeführten Ärzte haben am nächsten Tage alle strikten Befehl erteilt, im Laufe von einer Woche diese Verordnung systematisch von Haus zu Haus mitzuteilen und die betreffenden Frauen in diesem Sinne aufzuklären. Seit jenem Zeitpunkt sind an Aborten durchgeführt worden: 53 im Ghetto-Krankenhaus, davon blieben im Krankenhaus zur Nachbehandlung nach der durchgeführten Operation 16 Frauen (5ten – 7ten Monat der Schwangerschaft) und ca. 20 von privaten Ärzten. In leicht durchführbaren Fällen wurde auch im 7ten Schwangerschaftsmonat operiert. Die Namen und Adressen der von diesen Operationen betroffenen Frauen sind im Krankenhaus verzeichnet.

Am 25. Juli d.J. hat der Ältestenrat den Ghetto-Bewohnern bekanntgegeben, daß Schwangerschaften im Ghetto im Sinne der oben angeführten Verordnung zu unterbrechen sind. Mit Wirkung vom Monat September d.J. sind Geburten im Ghetto überhaupt untersagt.

Das Gesundheitsamt hat die Vorrichtung getroffen, daß Aborte unter günstigen klinischen Bedingungen im Krankenhaus Vygrių-Str. 32 jederzeit durchgeführt werden können. Abgesehen hiervon haben im Auftrag des Ältestenrates 4 Hebammen in Begleitung von jüdischen Polizisten sämtliche Häuser des Ghettos systematisch aufgesucht und die Bevölkerung auf die oben erwähnte Verordnung nachdrücklichst hingewiesen, wobei zugleich auf die Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung und Vorbeugung hingewiesen wurde.