Dok. 07-062
Oberstleutnant Helmuth Groscurth informiert Generalfeldmarschall Walther von Reichenau am 21. August 1941 über das Schicksal der jüdischen Kinder von Belaja Cerkov

Am 20.8. gegen 16.00 Uhr meldeten sich bei mir die beiden Divisionspfarrer und

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Helmuth Groscurth (1898–1943), Berufsoffizier; 1935–1938 in der Abwehrabt./
Amt Ausland- Abwehr im OKW (Oberkommando der Wehrmacht), brach 1938 einen geplanten Putsch gegen Hitler ab,
1940/41 Ia (Erster Generalstabsoffizier) der 295. Infanteriedivision, geriet 1943 als Chef des XI. Armeekorps in Stalingrad in sowjet. Gefangenschaft, in der er verstarb.

 

Walter von Reichenau (1883–1942), Berufssoldat; im Ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier, 1933 Leiter des Ministeramts im Reichswehrministerium, von Sept. 1939 an Oberbefehlshaber erst der 10. Armee, seit Juni 1941 der 6. Armee, von Dez. 1941 an der Heeresgruppe Süd.

 

Otto Spoerhase (*1912), Berufssoldat, im Aug. 1941 Ordonnanzoffizier der 295. Infanteriedivision, im Dez. 1942 3./Pionierbataillon der 295. Infanteriedivision.

 

Divisionspfarrer waren Dr. Ernst Tewes (1908–1998), Priester, nach 1945 katholischer Weihbischof in München, und Dr. theol. Josef Maria Reuss (1906–1985), Priester, 1940–1945 Kriegspfarrer bei der 295. Infanteriedivision, 1954–1978 Weihbischof in Mainz.

 

Sonderführer Tischuk: Gemeint: Pyszczuk; möglicherweise handelt es sich entweder um Johann oder um Leon Pyszczuk (*1901 bzw. 1911), beide evangelische Pastoren aus Stanislau, seit 1940 im GG (Generalgouvernement)

Am 20.8. gegen 16.00 Uhr meldeten sich bei mir die beiden Divisionspfarrer und teilten mir mit, daß in einem Haus der Stadt etwa 90 jüdische Kinder lägen, die seit etwa 24 Stunden ohne jede Nahrung und Wasser eingesperrt seien. Sie hätten sich auf Grund von Mitteilungen der Pfarrer des Kriegslazaretts die Verhältnisse angesehen. Sie seien unerträglich, der Versuch, den Ortskommandanten zum Einschreiten zu veranlassen, sei erfolglos geblieben. Die Div.-Pfarrer meldeten, daß die Zustände dringend einer Abhilfe bedürften, da zahlreiche Soldaten das Haus besichtigten und die sanitären Verhältnisse sich gefahrdrohend auswirken müßten, wie auch ein Oberarzt des Kriegslazaretts bestätigt habe.

Ich begab mich auf Grund dieser Meldung um 16.30 Uhr mit dem Ordonnanzoffizier, Oberleutnant Spoerhase, dem Divisions.-Pfarrer, Dr. Reuss, und dem Dolmetscher, Sonderführer Tischuk, in das Haus, das in einer Seitenstraße der Stadt, etwa 50 m von der Straße abgesetzt, lag. Das Haus war von der Straße aus zu sehen, das Gewimmer der Kinder zu hören. Auf dem Hof standen etwa 20 Unteroffiziere und Mannschaften. Vor dem Haus stand kein Posten. Einige bewaffnete Ukrainer standen auf dem Hof herum. Kinder lagen auf den Fensterbänken, die Fenster waren nicht geöffnet. Auf dem Flur des ersten Stockwerkes stand ein ukrainischer Posten, der sofort die Tür zu den Zimmern, in denen die Kinder untergebracht waren, öffnete. In den 3 zusammenhängenden Räumen befand sich ein weiterer ukrainischer Posten mit Gewehr. Die Räume waren angefüllt mit etwa 90 Kindern und mehreren Frauen. Im hintersten Zimmer, in dem fast nur Säuglinge lagen, machte eine Frau sauber. In den übrigen Zimmern herrschte ein unbeschreiblicher Schmutz. Lumpen, Windeln, Unrat lagen umher. Zahllose Fliegen bedeckten die teilweise nackten Kinder. Fast alle Kinder weinten oder wimmerten. Der Gestank war unerträglich. […]

Inzwischen war ein Oberscharführer des SD [Sicherheitsdienstes] hereingekommen, den ich fragte, was mit diesen Kindern geschehen solle. Er gab an, daß die Angehörigen der Kinder erschossen seien und daß die Kinder auch beseitigt werden sollten. […] Ich fragte den Feldkommandanten, ob er glaube, daß der Obersturmführer den Befehl von höchster Stelle habe, auch Kinder zu beseitigen, mir sei davon nichts bekannt. Der Feldkommandant erwiderte, er sei von der Richtigkeit und Notwendigkeit dieses Befehls überzeugt.

Daraufhin verlangte ich, daß die Umgebung des Hauses so abgesperrt würde, daß die Truppe keinerlei Möglichkeit erhalte, diese Vorgänge zu beobachten, die bereits unter der Truppe zu erheblicher Kritik geführt [hätten], da die in der Nähe einquartierten Soldaten die ganze Nacht das Gewimmer der Kinder gehört hätten. Ich verlangte weiter, daß die Durchführung des Abtransportes zur Erschießung unauffällig erfolgen müsse. Ich erklärte mich bereit, Truppen der Division zur Verfügung zu stellen, falls die Wachkräfte der Feldkommandantur nicht ausreichen sollten. […]

Abschließende Stellungnahme:

[…]  Aus der Erschießung der gesamten Judenschaft der Stadt ergab sich zwangsweise die Notwendigkeit der Beseitigung der jüdischen Kinder, vor allem der Säuglinge. Diese hätte sofort mit Beseitigung der Eltern erfolgen müssen, um diese unmenschliche Quälerei zu verhindern. Eine anderweitige Unterbringung der Kinder wurde vom Feldkommandanten und vom Obersturmführer für unmöglich erklärt, wobei der Feldkommandant mehrfach erklärte, diese Brut müsse ausgerottet werden.