Dok. 07-055
Stanisław Różycki beschreibt im Sommer 1941, wie die Juden in Lemberg erniedrigt und beraubt werden

Den ganzen Tag arbeite ich bei den Deutschen. Obwohl

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Stanisław Różycki (*1905); 1933 Assistent an der Polytechnischen Hochschule in Lemberg, später in Warschau, floh im Sept. 1939 nach Lemberg, kehrte im Herbst 1941 nach Warschau zurück. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

 

Symon Petljura, auch Petlura (1879–1926), Politiker; 1905 Mitbegründer der Ukrainischen Arbeiterpartei, von 1919 an ukrain. Regierungschef, als solcher mittelbar verantwortlich für zahlreiche antijüdische Pogrome der ihm unterstehenden Einheiten während des Bürgerkriegs, im März 1920 Flucht nach Polen, später Exil in Frankreich, wo er von Scholom Schwartzbard erschossen wurde, allerdings am 25. Mai, nicht am 25. Juli.

19.7. Den ganzen Tag arbeite ich bei den Deutschen. Obwohl ich eine Arbeitsbescheinigung habe, mit einer chronischen Krankheit im Bett liege und vom örtlichen ukrainischen Arzt offiziell krankgeschrieben bin, werde ich barsch aus dem Bett gezerrt, sie suchen nach einer Uhr, nach Zigaretten, nehmen den Pass und alle Dokumente weg und treiben mich für drei Tage zur Arbeit in die Kaserne, um sie sauberzumachen und für die deutsche Garnison vorzubereiten. Zehn Stunden Arbeit, ohne Essen und Trinken, ohne Verschnaufpause, wirklich rastlos, unter der Knute des ukrainischen Knechts, eines gierigen, blutrünstigen Halbwüchsigen, eines dummen, beschränkten Kerls. Wir tragen Soldatenbetten, Munitionskisten, Kisten unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Gewichts, und all dies in einem beschleunigten militärischen Tempo, im Takt, damit es schneller geht. Zum „Spaß“ stellen sie uns ab und zu an die Wand, Hände hoch, drohen andauernd, uns bei der geringsten Bewegung zu erschießen. Natürlich mussten wir die Klosetts sauber machen, und wie da die menschliche Würde erniedrigt wurde, muss man nicht wiederholen, denn das ist schon unser täglich Brot.

23.7. Ich habe Hunger… Auf dieses eine, einzige Problem reduziert sich unser ganzes Leben. Uns ist schon alles egal, sie ziehen uns zur Arbeit ein, verschleppen uns ins Lager, sie prügeln, schlagen uns zusammen, erschießen uns, werfen uns aus der Wohnung heraus, rauben alles … was soll’s, man will nicht weiterdenken, weiß nur eins: essen, essen, essen. Ich habe kein Geld, keine Lebensmittelvorräte und keine Bekannten, die mir im Existenzkampf zur Seite stehen, beim Kampf um ein einfaches Stück Brot helfen könnten. Man lebt von dünner Suppe, von Gemüse, aber damit kann man den Magen nicht täuschen. Hunger – das ist der einzige Gedanke, der – zum Glück – alle anderen verscheucht.

25.7. Die schwarze Nacht von Petlura. Schließlich muss man den Ukrainern zugestehen, aufs Ganze zu gehen, denn bisher gab es nur geringfügige Spielereien, ein paar Plünderungen, zwar wurden hier und da einige, dort ein Dutzend umgebracht, aber das alles ist zu wenig. Ein Anlass ist da, denn gerade steht der Jahrestag der Ermordung von Petlura durch einen Juden bevor. Ein hervorragender Anlass, und weil die Juden ein Gerücht über das Stocken der deutschen Offensive bei Kiew verbreiten, haben sie wegen dieser Greuelpropaganda eine Lektion verdient. Dieses Mal veranstalteten also Gestapo und ukrainische Miliz gemeinsam systematische Judenrazzien. Weder Zahlen noch Fakten sind überprüft und auch nicht sicher, wir stellen nur Vermutungen an. Es heißt, 15 000 Männer seien erschossen oder verschleppt worden. Zunächst [gab es] Verhaftungen, Schläge, Schikanen, Plünderungen, dann Verschleppungen, Lager, Erschießungen, dann anscheinend Geiselnahmen unter Angehörigen der Intelligenz und der Bourgeoisie. Da aber dieses Mal Flieger, Offiziere, Gestapo und Schupo aktiv zusammenarbeiteten, waren Gelage, Plünderungen und Tötungen an der Tagesordnung. Die Straße wütete drei Tage lang. Auf der Straße konnte ein Jude nur durch ein Wunder dem Tod, den Prügeln oder dem Lager entgehen. Die Razzien fanden aber nicht nur auf den Straßen statt, denn die ukrainische Miliz holte Tag und Nacht Männer aus den Wohnungen, die wir dann nie wieder sahen. Ich hatte Glück, meine rechtschaffenen polnischen Freunde versteckten mich und hielten Tag und Nacht Wache, das hat uns – drei Juden im ganzen Haus – vor dem Schicksal unserer Mitbrüder gerettet. […]

28.7. Das Niederbrennen von Synagogen ist der zwingende nächste Akkord. So wurden in der Nacht die fünf ältesten und schönsten Synagogen niedergebrannt. Offensichtlich um den Zyklus, die Serie der aufeinanderfolgenden Verfolgungsmaßnahmen nicht zu unterbrechen, damit keine Pausen entstehen, kein Leerlauf eintritt. Das ganze Programm folgt einem im Voraus gefassten Plan, es geht systematisch zu, unter dem Schutz der Feuerwehr, damit das Feuer nicht auf andere Häuser übergreift. Am nächsten Tag wurden die Kontributionsbedingungen bekannt gegeben: 10 Millionen Rubel, die erste Rate innerhalb von drei Tagen, die 10 Millionen im Verlauf von weiteren drei Tagen. Wenn ihr nicht zahlt, erwartet euch das Białystoker Schicksal. In der Stadt [herrscht] wahnsinnige Panik, Niedergeschlagenheit, Selbstmordstimmung, Resignation. Niemand glaubt daran, dass es möglich ist, eine so hohe Summe zu zahlen, umso mehr, als Gold, Silber und nichtrussische Währungen nicht angenommen werden. Doch die sich organisierende Gemeinde und Privatinitiative erreichen nicht wenig. Zunächst organisierten die Juden Verkaufsstellen für verschiedene Möbel, Wertsachen und Kleider. Dann wurden Haus- und Blockkomitees gegründet, die sich gegenseitig anstachelten, von jedem Bürger mindestens 100 Rubel einzutreiben. Die Reicheren wurden zu höheren Abgaben gezwungen. Es gab auch anonyme polnische Gaben (recht zahlreich) und angeblich sogar ukrainische. Die Kontribution wurde geleistet, beide Raten rechtzeitig bezahlt. Ich selbst verkaufte eine Halskette für 120 Rubel und gab 100 Rubel ab. Eine gewisse Entspannung und Beruhigung stellten sich ein. Die Gemeinde begann mit ihrer Arbeit und verpflichtete sich, Leute zur Arbeit sowie Möbel bereitzustellen. Das ist die beginnende Stabilisierung eines rechtlosen Lebens – jenseits des Rechts, unterhalb des Rechts.