Dok. 07-026
Karl-Heinz L. beobachtet am 15. Juli 1941 gemeinsam mit anderen Wehrmachtsangehörigen die Massenerschießung von Juden in Libau (Liepāja)

Ein drückender Sommertag geht zu

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Karl-Heinz L. (*1919), Seemann; 1937 SA-Eintritt, im Juli 1941 Marinesoldat in Liepāja.

 

Möglicherweise Rabbiner Isser Polonski (*1870), den Küglers Männer am Tag zuvor verhaftet und gezwungen hatten, auf den Tora-Rollen der großen Choral-Synagoge herumzustampfen, bevor sie ihn am 15.7.1941 erschossen.

Handschriftl. Tagebuch

 

[…]

Ein drückender Sommertag geht zu Ende. Wir haben uns das Motorboot klargemacht und fahren hinüber an den Strand. Nach des Tages Dienst und Hitze tut ein kühles Bad unendlich wohl. Wir tummeln uns im Wasser und versuchen mit den kleinen lettischen Deerns anzubändeln. Aber alles hat ja auch mal sein Ende, und um 8 Uhr muß alles an Bord sein. Langsam schlendern wir zurück und stoßen unweit des Strandes auf einen Haufen Menschen, es sieht fast so aus, als ob hier etwas verschenkt wird. Auf den Bunkern, die hier liegen, überall drängt sich Marine und Militär. Die meisten im Bade- oder Sportzeug, gerade so wie sie vom Strand kommen.

Man denkt auf den ersten Blick, hier findet eine Sportveranstaltung statt. Ja, eine Sportveranstaltung, wenn auch etwas anderer Art. Wir sind auf dem Platz angelangt, auf dem allabendlich so und soviele Heckenschützen erschossen werden. Ein neben mir stehender Matrose erzählt, es kämen heute abend 45 Männer und 7 Frauen dran!! Auf meine Frage: es wäre doch an und für sich etwas geschmacklos, hier im Angesicht so vieler Soldaten die Exekution zu vollziehen? schüttelt er bloß mit dem Kopf.

Ringsum stehen Soldaten, ich schätze rund 600–800 Mann stehen hier um ihre grausame Neugier zu befriedigen. Es werden ja aber auch wohl sicher einige hier sein, die durch die Hand dieser Heckenschützen ihre besten Kameraden verloren haben, und denen kann man ja nachfühlen, daß sie diese Genugtuung mit ansehen möchten.

Schräg vor mir liegt der ominöse Graben, der eine ziemliche Tiefe besitzt, die ich aber nicht feststellen kann. Zigarettenrauchend und schwatzend stehen alle Besucher dieser „Zirkusvorstellung“ da, als der erste Wagen eintrifft. Ein LKW; man sieht nur zwei Männer der lettischen Heimwehr darauf sitzen.

Der Wagen stoppt. „Raus, raus“, ertönts von einem SS-Mann, und plötzlich sehen wir 5 Mann Köpfe hochkommen. Irrsinnige Angst verzerrt ihr Gesicht. „Los, raus, dalli.“ Wer nicht so schnell hochkommt, dem wird mit dem Gummiknüttel nachgeholfen. Hierbei tut sich in hervorragender Weise gerade die Heimwehr hervor, diese Leute, die vielleicht allen Grund hätten, etwas vorsichtiger zu sein.

5 Männer stehen jetzt vor dem Wagen. Soweit man erkennen kann sind 2 Juden darunter. „Vorwärts, laufen“ heißt's nun und die fünf Mann werden in ihr offenstehendes Grab getrieben. Der letzte, ein alter, ziemlich krummer Jude erhält noch einen Tritt in das Achterteil und landet mit Schwung im Graben. Hier und da ertönt ein rohes Lachen. Hier und dort recken sich Hälse, um nur ja nicht etwas von diesem Schauspiel zu entbehren. Die fünf Delinquenten stehen nun mit dem Kopf Gesicht an der Grabenwand.

Was mag in diesem Moment in den Verurteilten vorgehen?

Inzwischen ist das Exekutivkommando auf den Grabenrand getreten. Es ist zehn Mann, es kommen also zwei Schützen auf jeden. Ein SS-Feldwebel gibt das Kommando. „Fertigmachen!“ Zehn Gewehre richten sich auf die Nacken der Verurteilten. „Feuer.“ Wie ein scharfer Peitschenknall hören sich die Schüsse an.

Das Peloton tritt zurück. Man sieht, wie einige der Schützen sich sofort umdrehen, einige andere schauen interessiert in den Graben; in dem die Delinquenten zusammengesunken sind. Nun tritt der Feldwebel heran, in der Hand die Maschinenpistole. Aufmerksam schaut er auf die Toten.

Das Peloton hat anscheinend gut gefeuert, er geht von einem zum anderen. Beim letzten endlich hebt er sein Gewehr, er zögert noch, da, ein ganz kurzer trockener Knall, und die Exekution ist vorbei. Ein Wink, und Heimwehrleute werfen auf, greifen zum Spaten und werfen Sand auf die Leichen.

Alles geht ruckzuck. Die ganze Exekution hat nur wenige Minuten gedauert. Das Peloton steht zusammen, erzählend und rauchend. Ich studiere die Gesichter der Umstehenden. Teilnahmslosigkeit, Gleichgültig oder Befriedigung steht in ihnen geschrieben.

[…] Hinter mir fragt einer, ob nicht bald eine neue Ladung käme!

Es sind ungefähr 10 Minuten vergangen, als daß da kommt der Wagen wieder. Es wiederholt  sich alles. Runter vom Wagen, im Laufschritt rein in den Graben, und ein kurzer scharfer Knall. Und wieder sind fünf Leben ausgelöscht.

Auf die Leichen der eben Erschossenen müssen sich die neuen Opfer stellen, ein kurzer scharfer Knall und schon sind wieder fünf Leben vorbei. Die Heimwehrleute werfen wieder Sand in den Graben und nun liegen schon zwei Schichten von Leichen da. Aber auf hierauf kommen noch einmal fünf Leichen, so daß immer drei Mann übereinanderliegen. Massengrab!

Heute abend kommen nun noch so nach und nach kommt der Wagen nun noch dreimal wieder und lädt seine Opfer ab. Immer spielt sich das gleiche ab, eine Sache von Sekunden, so routiniert geht es. Einmal ist ein älterer, dicker Jude dazwischen, anscheinend ein Schlachter, er trägt noch eine weiße Schürze. Er kann nicht vom Wagen hochkommen, anscheinend hat er ein kaputtes oder steifes Bein. Ein Lette stößt ihn vom Auto herunter und wirft ihm seinen Stock hinterher. Rohes Lachen ertönt. Von zwei seiner Mitgefangenen getragen wankt er seinem Schicksal entgegen.

Aus dem letzten Auto springt unter andern auch ein kleiner, schwarzer Jude, mit Backenbart und Gebetskäppi, herunter. „Hier, der Rabbi als erster“, ruft der Feldwebel des Pelotons. Im Graben will er sein Käppi noch auf den Rand hinauflegen, aber der Feldwebel  herrscht ihn an, er solle sie sich vor die Füße legen. „Feuer“ und auch der Rabbi ist hinüber. Fünfmal war das Auto gekommen, fünfundzwanzig Mann sind heute erschossen worden.

Langsam zerstreut sich alles. Wie mag es in dem Innern der Schützen aussehen? Abend für Abend diese Arbeit, das kann nur etwas sein für Leute, die von Natur Nerven wie Stahltaue besitzen.

Auch wir begeben uns wieder auf den Heimweg, lachend und schwatzend unterhalten sich die Meisten und können sich nicht grausig genug das Erlebte ausmalen. Mir wird wahrscheinlich das Geschene ewig gegenwärtig bleiben. Es gehört zu dem Erlebten, das man nie vergessen wird.