Dok. 05-314
Benjamin Schatzman schildert im Februar 1942 in seinem Tagebuch das Leben im Lager Compiègne

Völlig schlaflose Nacht von

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Benjamin Schatzman (1877–1942), Zahnarzt; geb. in Rumänien, 1907 in Frankreich eingebürgert; als Zahnarzt in Paris tätig, zusätzlich von 1933 an Professor in Paris; am 12.12.1941 verhaftet und ins Lager Compiègne verbracht, vom 23.6.1942 an in Drancy; wurde am 23.9.1942 nach Aufenthalten in Pithiviers und Beaune-la-Rolande nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

David Cantor (*1878) wurde am 2.3.1943 von Drancy nach Auschwitz deportiert.

Tagebucheinträge vom 26. und 28.2.1942

 

[…]

26. Februar

Völlig schlaflose Nacht von Donnerstag auf Freitag, Trägheit und Gleichgültigkeit, waches Delirium und unkontrollierbare Phantasien mit der Folge, dass ich am Morgen vollkommen entmutigt war und jegliches Vertrauen in meine Gesundheit verloren hatte. Ich hatte zum ersten Mal Angst. Ich dachte daran, vielleicht schwer krank zu werden und nicht mehr lebend hier herauszukommen. […]

Glücklicherweise besserte sich mein Zustand im Verlauf des Morgens, und ich ver-spürte zum Zeitpunkt der Suppenausgabe ein wenig Hunger, denn gestern und heute Morgen habe ich nichts anderes zu mir genommen als Kräutertee am Morgen. Das macht etwa 18 Stunden ohne Nahrung.

Schlechte Nacht, schlaflos, aber mir war etwas weniger kalt. Was das Warten auf die Entlassung und meine Gefühle betrifft, so war ich ziemlich ruhig. Ich rechnete nicht mit der Entlassung heute Morgen, und ich hatte recht. […] Die Leute sagen übrigens, dass wir noch ein paar Tage warten müssen. Sosehr wir auch über die Ereignisse diskutieren, Meinungen und Gefühle austauschen, so ist es doch unmöglich, zu einem fundierten Urteil zu gelangen. […]

19 Uhr

Was bedeutet wohl der Befehl, alle über 55-Jährigen zu fotografieren, und die Tatsache, dass dafür spezielle Listen vorbereitet wurden? Und was bedeutet andererseits der Befehl von heute Nachmittag an alle übrigen, sich ebenfalls dem Fotografen zu präsentieren!

Es scheint offensichtlich, dass diese Vorauswahl in Verbindung steht mit der Absicht oder dem Beschluss, zuerst die erstgenannte Gruppe freizulassen. […]

In der Zwischenzeit leben wir in einer Umgebung, die von einer dicken Schneeschicht bedeckt ist, mit der Kälte draußen und der Feuchtigkeit drinnen. Man kann sich den Gefühlszustand der Leute vorstellen, die müde sind von Kälte, Krankheit, schlechten Schlafstellen, dem Leben in Gefangenschaft, dazu noch das Leid durch den Mangel an Hygiene, an Sauberkeit.

Was mich betrifft, so leide ich und bin in jeder Hinsicht niedergeschlagen. Ich habe keine Kraft, das Allernötigste zu tun, und das macht mich besonders unglücklich.

[…]

28. Februar […]

14 Uhr 30

Aufgrund der Zahl von 1000 Paketen haben Cantor und ich höchstwahrscheinlich auch eine Sendung bekommen. […] Da ich die Hoffnung auf eine baldige Entlassung noch nicht ganz aufgegeben habe, mache ich mir Sorgen wegen der Mehrbelastung. Aber in der Zwischenzeit bin ich nicht unglücklich bei dem Gedanken, einen Methan-Gaskocher zu bekommen, wenn er gesendet werden konnte, und auch den Messerschleifer und vor allem die Schuhe. […]

Für heute ist nun der Appell beendet, das Brot wird verteilt, die Laibe werden durch sechs geteilt, also magere Portion. Ob es Brotaufstrich für uns gibt, weiß ich noch nicht, denn gestern gab es keinen. Es ist die Rede davon, eine Suppe aus Brühwürfeln zu machen, in die wir ein bisschen Brot geben für eine Brotsuppe.

[…]