Dok. 05-262
The Manchester Guardian: In einem Artikel vom 11. März 1941 wird die Lage deutscher Juden im französischen Internierungslager Gurs geschildert

Besonders charakteristisch für die Beziehungen zwischen Berlin und Vichy

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Alexander Werth (1901–1969), Journalist; 1928–1940 Korrespondent von
The Glasgow Herald und The Manchester Guardian in Paris, Jan. bis März 1933 Korrespondent von The Manchester Guardian in Berlin, 1941–1948 Korrespondent von The Sunday Times und der BBC in Moskau, von 1949 an erneut in Paris. 

Deutsche Juden in französischen Lagern. Schreckliche Zustände

Von unserem ehemaligen Pariser Korrespondenten

 

Besonders charakteristisch für die Beziehungen zwischen Berlin und Vichy ist die Deportation einer großen Zahl deutscher Juden von Deutschland aus in Lager im unbesetzten Frankreich. Laval betrachtete diesen französischen Beitrag zur deutschen Barbarei offenbar als Teil der „neuen Ordnung“.

Das berüchtigtste dieser Lager ist das Camp de Gurs im Departement Basses-Pyrénées. Noch immer sind unter seinen unglückseligen Insassen viele Soldaten der spanischen Republikaner, die seit Februar 1939 in französischen Lagern inhaftiert sind. Im November und Dezember kam eine große Zahl deutscher Juden dazu, und dieser Prozess hält offenbar an, obwohl Laval der Vichy-Regierung nicht mehr angehört. Das Lager wird von französischer Bereitschaftspolizei unter dem Befehl deutscher Gestapo-Offiziere betrieben.

Im Folgenden Auszüge eines Briefes aus dem Camp de Gurs. Er wurde im Dezember geschrieben.

„Dies ist die sechste Woche für mich und meine Leidensgenossen, und ich bin noch am Leben – es ist erstaunlich, was Menschen aushalten können. Sie werden über mich wohl von Frau X gehört haben. Einmal hat Frau X mir Geld schicken können, sodass ich zusätzliches Essen in den Kantinen kaufen konnte. Wir hatten nämlich alles über 100 Mark abgeben müssen. Wir hungern und frieren, und die Nächte sind eisig.

Man redet davon, dass es besser werden soll, aber niemand weiß, wohin wir gebracht werden, genauso wenig wie wir wussten, wohin wir aus Baden und der Pfalz gebracht wurden. Die Fahrt dauerte drei Tage und Nächte. Einige der Leute waren 80 und 90 Jahre alt, und wir waren bei unserer Ankunft völlig erschöpft. Wer in den Freitod ging, hatte Recht. Und es waren nicht wenige. Wir haben etwa zwölf Tote jeden Tag, meistens Alte und Kranke. Man sieht das nicht als ungewöhnlich an. Die Ruhr wütet hier bereits, und man hat spezielle Baracken eingerichtet – es ist gespenstisch.

Sie haben für uns Juden den richtigen Platz gefunden. 9000 sind innerhalb von drei Tagen angekommen. Jetzt ist alles ein wenig organisierter. Aber anfangs war es grauenvoll. Wir sind etwa 15 000 Menschen hier, darunter einige Spanier. Man hat Kinderbaracken eingerichtet. Bald werde ich in Kälte und Schlamm nach den Kranken sehen müssen. Die Toiletten sind furchtbar.

Männer und Frauen leben hinter Stacheldraht, sind getrennt und dürfen einander nur für wenige Stunden pro Woche sehen und sprechen. Man sagt, dieses Lager sei das schlimmste in Frankreich. Die Männer, die aus Cyprien kommen, bestätigen das. Cyprien ist für andere Dinge berüchtigt.

Zum Frühstück bekommen wir eine Tasse schwarzen Kaffee, zum Mittag einen Teller Suppe, zum Abend einen Teller Suppe. Am Morgen wird Brot verteilt, für gewöhnlich ein Laib für acht Personen. Man überlässt es uns, wann wir es essen. Wir können etwas in der Kantine kaufen. Ohne diese Möglichkeit würden wir verhungern.“