Dok. 05-224
Der Älteste der Juden in Luxemburg, Alfred Oppenheimer, hält am 16. April 1942 anlässlich der bevorstehenden Deportation eine Ansprache

Ein furchtbares Geschick lastet wieder

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  • 1942

Alfred Oppenheimer (1901–1993), Kaufmann; geb. in Metz, von 1926 an in Luxemburg; vom 15.10.1941 an Präsident des Konsistoriums, von der Gestapo im April 1942 zum Judenältesten umbenannt; im Juni 1943 nach Theresienstadt, im Okt. 1944 nach Auschwitz deportiert, im Jan. 1945 im Lager Blechhammer von sowjet. Truppen befreit; im Mai 1945 Rückkehr nach Luxemburg, 1961 Aussage im Eichmann-Prozess. 

Handschriftl. Vorlage der Ansprache an die Ulflinger Heiminsassen

 

Ein furchtbares Geschick lastet wieder über unsere Gemeinde. Das Schlimmste das eintreten kann ist nun eingetreten & der Polentransport steht fest.

Am Montag mittag um 11 Uhr wurde ich zur Gestapo gerufen & es wurde mit eröffnet, dass 124 Juden sich zum Abtransport nach dem Generalgouvernement zur Verfügung der Behörden halten müssen. Von dieser Zahl kämen 74 mit dem ersten Transport weg der am 24. in Stuttgart sein müsse, während die weiteren 50, 8 Tage später abgehen würden, aber nach demselbem Bestimmungsort reisen sollen.

In frage kämen für den ersten Transport in erster Linie alle die, die das letzte Mal gefehlt haben, bezw. wegen Krankheit zurückgestellt wurden. Dann alle Alleinstehenden & zum Schluss die Alle, die bereits einmal auf der Gestapo verhört wurden oder sich sonst irgendwie einmal missliebig gemacht haben. […]

Nach langen & sehr unangenehmen Verhandlungen, in welchen ich die Judendezernenten darauf hinwies dass die hiesigen Massnahmen viel grausamer waren als in Deutschland, wo man eine viel längere Frist zur Vorbereitung gab gelang es mir die Zahl der mit dem ersten Transport Abgehenden von 74 auf 24 herabzudrücken. Es gelang mir ferner durchzusetzen, dass von diesen 124 Personen eine Anzahl Juden betroffen werden die nicht zu unserer Gemeinde gehören & nie mit uns etwas zu tun haben wollten. Es war dies ein sehr schwerer Kampf & ich habe viel erreicht, aber noch mehr war bei aller Anstrengg. nicht zu erreichen.

Auch von Ihnen, meine lieben Mitbrüder & Schwestern wird ein Teil von diesem unabwendbaren Unglück getroffen werden. Wer im Einzelnen betroffen wird, weiss ich noch nicht, aber leider wird es fast ein Drittel der hiesigen Belegschaft sein. Der endgültige Bescheid wird Ihnen von der Gestapo zugestellt werden die auch für diese Massnahme die Verantwortung trägt.

Ich glaube Ihnen zusagen zu können dass man uns eine Altersgrenze von 70 Jahren zugestehen wird, d.h. dass wir Glaubensgenossen ab 70 Jahren schützen können. Allen anderen empfehlen wir, sich jedenfalls für alle Eventualitäten vorzubereiten, soweit sie nicht transportunfähig sind.

Es ist furchtbar für mich, zum zweiten Mal vor Sie hintreten zu müssen um Ihnen eine solche Nachricht zu überbringen. Ich bitte Sie zu glauben, dass diese Aufgabe fast über meine Kraft geht & nur der Gedanke vielleicht doch noch Linderungen erreichen zu können gibt mir den Mut, weiter für Sie tätig zu sein.

In den Jahrtausenden der jüdischen Geschichte haben wir schon so viele Prüfungen über uns ergehen lassen müssen & überstanden. Die Hoffnung, dass wir auch diese trüben Tage überstehen werden soll uns den Mut geben, weiter zu leben, alles zu ertragen & mit Gottvertrauen hoffen dass wir uns in nicht allzu ferner Zeit wiedersehen.