Dok. 05-148
Gerhard Wolff berichtet belgischen Bekannten am 16. Februar 1940 vom Tod seiner Tochter in der Internierungshaft und bittet dringend um Hilfe bei der Rückkehr nach Belgien

Sehr geehrtes Fraulein Blitz, sehr geehrter Herr Kowarsky, in größter Not

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  • 1939
 
  • 1940
 
  • 1941

Vermutlich E. oder A. L. Kowarsky, Mitglied des Brüsseler Flüchtlingskomitees des Joint.

Schreiben aus Amsterdam an Fräulein Blitz und E.L. Kowarsky

 

Sehr geehrtes Fraulein Blitz, sehr geehrter Herr Kowarsky,

in größter Not und allergrößter Verzweiflung schreiben wir diese Zeilen in der Hoffnung, bei Ihnen Rat und Beistand zu finden, nachdem Sie für uns immer so viel Interesse gezeigt haben. […]

Wir sind seinerzeit von Eschen aus direkt in Haft genommen worden, ich auf der Fremdenpolizei, meine Frau und das Kind in einem Frauenhaus. Es bestand keine Möglichkeit, dagegen etwas zu unternehmen. Am ersten Tage hat man uns bei der Vernehmung gedroht, uns sofort nach Deutschland zurückzuschicken, im übrigen ist diese Gefahr auch heute noch nicht gebannt. Nachdem wir nun 8 Wochen in Haft waren, ist unser geliebtes kleines Mädelchen an den Folgen dieser Haft gestorben. Es ist an diesem unschuldigen Kindchen ein glatter Mord verübt worden, und wir sind nicht in der Lage, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Wie es hier steht, können Sie ja daraus ersehen, daß man überhaupt Frauen mit Babys in Haft zu setzen fertigbringt. Am 12. ds [diesen Monats] ist unser Kind gestorben, am 14. ds [diesen Monats] haben wir es auf dem jüdischen Friedhof hier beerdigt. Einen Tag nach dem Tode des Kindes wurden wir vorläufig auf freien Fuß gesetzt. Sie können sich also unsere Verfassung vorstellen. 8 Wochen Haft und der Tod und Verlust unserer einzigen Freude und unserer ganzen Hoffnung. Wir beide sind mit unseren Nerven vollkommen fertig.

Aber das Mitleid und Schuldgefühl der holländischen Behörden hat nur 3 Tage gedauert. Heute wurde ich vom Internierungskommissar vernommen, und es wurde uns zu allem unseren Leid [ein] neuer schwerer Schlag versetzt. Ich soll in einigen Tagen in ein Internierungslager kommen und meine arme Frau in diesem entsetzlichen Seelen- und Körperzustand allein lassen. Wenn Sie [sie] sehen würden, [würden] Sie sie nicht wieder erkennen, und ich [bin] überzeugt, daß sie eine nochmalige Trennung einfach nicht überleben wird. Sie kennt hier keinen Menschen und hat keinen, der sich um sie bekümmert, zumal das hiesige jüdische Comite sie als Christin nicht anerkennt. Das einzige, was uns aus dieser katastrophalen Situation retten könnte, wäre eine Rückkehr nach Belgien. Ich wäre Ihnen nun sehr dankbar, wenn Sie mir umgehend mitteilen würden, ob eine solche möglich ist, und wenn Sie das Notwendige unternehmen würden. […]

Ich habe nur wenige Tage Zeit, um die größte Katastrophe [für] uns zu verhindern, und wir bitten Sie, uns entsprechend schnell direkt zu antworten. Wir danken Ihnen herzlichst und wissen, daß Sie an unserer Trauer und verzweifelten Lage Anteil nehmen und uns zu helfen versuchen werden. Wir verbleiben mit den besten Grüßen an Sie beide sowie Frl. Kupisanoff.

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