Dok. 05-106
In einem Brief an seinen Freund Lodewijk Ernst Visser verteidigt der Vorsitzende des Jüdischen Rates in den Niederlanden, David Cohen, am 30. November 1941 die Zusammenarbeit mit den Besatzern

Lieber Freund, lange habe ich

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Lodewijk Ernst Visser (1871–1942), Jurist; von 1895 an Anwalt in Amsterdam, 1903 Ernennung zum Richter in Rotterdam, 1915 Berufung an den Obersten Gerichtshof, von 1939 an dessen Präsident, 1940 aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen, 1941 Vorsitzender der Jüdischen Koordinationskommission; starb 1942 an einem Herzinfarkt.

 

Dr. David Cohen (1882–1967), Historiker; Professor in Leiden und Amsterdam; engagierte sich in den 1930er-Jahren intensiv im CJV (Comité voor Joodse Vluchtelingen), von 1941 an einer der beiden Vorsitzenden des Jüdischen Rats; 1943 nach Theresienstadt deportiert und dort befreit; nach 1945 untersagte ihm ein jüdisches Ehrengericht die Betätigung in jüdischen Organisationen. 

Schreiben vom 30.11.1941, Amsterdam

 

Lieber Freund,

lange habe ich auf eine Antwort warten lassen, denn ich wollte diesen Brief nicht diktieren, was Ihnen, wie ich bemerkt habe, unangenehm ist. Und ich bin jeden Tag eingespannt, von früh morgens bis spätabends.

Über den Inhalt Ihres Briefs werden wir uns nicht so leicht einigen können. Nicht, weil ich Ihren Standpunkt nicht verstehen oder schätzen, ja sogar gern akzeptieren würde. Wenn ich ihn einmal heldenhaft genannt habe, dann war das keine Ironie, sondern eine bewusst geäußerte Meinung. Aber wie der größte Held, Herakles, den Feuertod gestorben ist, so ergeht das mutatis mutandis auch heutigen Helden; und so wie er später von den Göttern aufgenommen wurde, so wird das, wiederum mutatis mutandis, auch ihnen zuteil werden. Ich meine, in allen Zeiten gibt es Menschen, die den Weg in die Zukunft bahnen, die revolutionären, strengen Geister, und andere, die aus den bestehenden Verhältnissen machen, was daraus zu machen ist, die Realitätsmenschen. Diese beiden können nie zusammenarbeiten, höchstens kann die zweite Gruppe Bewunderung für die erste empfinden, nie umgekehrt. Was Sie Bruch von Recht und Ordnung nennen, betrachte ich als Machtausübung: Wir beide haben recht, aber unsere Standpunkte und Sichtweisen unterscheiden sich voneinander. Und auch die Folgen. Sie widersetzen sich; ich gebe den Widerstand nicht auf, aber versuche vor allem, einen Weg zu finden, aus den gegebenen Bedingungen das Beste zu machen. Deshalb können Sie keine Achtung vor den verschiedenen Erleichterungen empfinden, die wir erreicht und mit denen wir Hunderten, wenn nicht sogar Tausenden geholfen haben. Sie sehen – und von Ihrem Standpunkt aus betrachtet zu Recht – ausschließlich, dass unsere Kooperationsbereitschaft den Weg für Maßnahmen bahnt, die Tausenden schaden. Es zählt nicht, ob ich das Letztgenannte leugne und dagegen setze, dass diese Maßnahmen auch ohne uns durchgeführt worden wären, vielleicht mit anderen, die keine Ausnahmen hätten durchsetzen können. Denn, um mit Pindaros zu sprechen (und das meine ich wahrlich nicht ironisch, denn er hielt später fest, dass wir alle etwas Göttliches in uns tragen): „Eines ist das Göttergeschlecht, eines das Menschengeschlecht“ – somit also verschieden. […]

Aber sei’s drum, überzeugen kann ich Sie nicht. Lassen Sie uns also, wie Sie zu Recht wünschen, jeden seinen eigenen Weg gehen. Wir können die Worte Homers: „Wenn zwei zusammengehen, denkt der eine auch für den anderen“ leider nicht umsetzen. Aber an Sie werde ich denken. Denn eines wäre verhängnisvoll: wenn ich bei der Umsetzung meiner Position die Ihre vergessen würde. Glauben Sie mir, mit herzlichen Grüßen.

totus tuus