Dok. 04-182
Ruth Goldbarth schreibt am 19. Oktober 1940 an ihre Freundin Edith Blau über ihre Angst und Verzweiflung vor dem Umzug in das Warschauer Getto

Bestes Edithlein,
hab Dank für Deinen lieben Brief. Leider Gottes haben wir uns umsonst

  • Chronologie
  • Orte
  • Personen
  • Stichworte
  • Skript
 
  • Dummy Pfeil Links
 
  • 1940
 
  • 1941
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Ruth Goldbarth (1921–1942) stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie in Bromberg (Bydgoszcz), wo sie zweisprachig aufwuchs. Deutsche Einheiten verschleppten Ruths Vater Rudolf, von Beruf Zahnarzt, im Sept. 1939 als Zivilgefangenen, er kam erst Mitte Dez. 1939 wieder frei. Die Familie wurde gezwungen, am 1.1.1940 in das GG überzusiedeln; in Warschau war Ruth als Assistentin in der Praxis ihres Vaters tätig. Sie wurde vermutlich im Sommer 1942 nach Treblinka deportiert.

 

Edith Blau, verheiratete Brandon (*1921), stammte aus Danzig, ihre Eltern ließen sich Ende der 1930er-Jahre in Bromberg nieder; Blau reiste am 20.12.1939 zu Verwandten nach Minden, von dort wurde sie am 13.12.1941 nach Riga deportiert, sie war danach in verschiedenen Lagern; nach Kriegsende hielt sie sich zunächst wieder in Minden auf und lebte dann in London.

Handschriftl. Brief an Edith Blau in Minden (Westf.)

 

Bestes Edithlein,

hab Dank für Deinen lieben Brief. Leider Gottes haben wir uns umsonst Hoffnungen gemacht, daß wir ,verschont bleiben‘. Bis zum 31. müssen wir umziehen! Edith, es ist schrecklich! Ich kann’s Dir einfach nicht beschreiben, u. Du kannst es Dir gar nicht vorstellen! Seit dem 13.X. laufen wir alle von früh bis spät rum, heute ist es schon der 6. Tag, und wir haben noch nichts gefunden. Ich kann Dir nicht viel über all das schreiben, ich kann gar nicht dran denken, was wird, aber eins weiß ich: So wie ich mich bisher bemüht habe, durchzuhalten und den Glauben und die Hoffnung nicht aufzugeben, so verzweifelt bin ich jetzt. Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist es aus, Edith, ganz aus! Mein Gott, warum ist es nicht endlich genug der Sorgen, warum wird es denn immer noch schlimmer?!! Glaub mir, ich bin schon halb verrückt, ich kann nicht mehr denken, nicht mehr heulen, aber Tag + Nacht verfolgen mich die Bilder aus Maryś’ Heimat. Wenn ich die Straßen langgehe u. Wohnung suche, glaube ich oft, ich könnte eher in die Weichsel gehen als hier wohnen; dabei weiß ich ganz genau, daß das alles Unsinn ist, an die Straßen, an die Wohnungen wird man sich gewöhnen, selbst wenn wir 4-6 Personen in einem Zimmer wohnen werden. Aber alles andere! Wenn wir von der Welt abgeschnitten werden! Nichts mehr von Euch hören! Wenn wir keine Lebensmittel, keine Kohlen bekommen! Wenn Krankheiten ausbrechen! Wenn, wenn … ach, was weiß ich! Eben komme ich aus der Stadt; wieder ist „unser“ Teil um ein paar Straßen verkleinert worden, jeden 2. Tag ist das so; manche Leute sind schon 3 oder 4 Mal umgezogen; da wir sowieso nur Handgepäck mitnehmen dürfen, ist ja nicht so viel Arbeit dabei, aber der Raum ist doch schon ohnehin so sehr, sehr klein. Ich weiß nicht, was wird, Ditakind! Kleines, warum bist Du so weit weg? Warum bin ich so allein in diesem ganzen Durcheinander! Ich kann doch nicht mehr weiter!! Ach was, so vielen Leuten geht’s noch viel dreckiger, u. sie müssen auch durch! Aber es ist zum … zum, nur zum Aufhängen! Eine Bitte: Ditli, versuch beim Hilfsverein oder sonstwo zu erfahren, welche Auswanderungsmöglichkeiten bestehen, was für Papiere man bekommen kann u. unter welchen Bedingungen. Eventuell kann das für uns doch von Bedeutung sein.

Und schreib gleich! Immer Deine Ruth

Lutek hat vor einigen Tagen geschrieben. Auch von Nusia ist Nachricht, irgendwo aus Zentralasien; [...]. O-Beni war nicht hier, hat nur wieder völlig verrückten Brief geschrieben, ich werde daraus nicht mehr schlau. Auch von Aga + Sorrel war Nachricht. Ruth v. W. soll eine sehr gute Stellung in einem Berliner Foto-Labor haben!