Dok. 04-059
Dawid Sierakowiak beschreibt vom 12. bis 13. Dezember 1939 den antijüdischen Terror in Lodz

Dienstag, den 12. Dezember, Lodz. Ein lausiger Tag. In der Schule

  • Chronologie
  • Orte
  • Personen
  • Stichworte
  • Skript
 
  • Dummy Pfeil Links
 
  • 1939
 
  • 1940
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Dawid Sierakowiak (1924–1943), Schüler; schrieb schon vor dem Sept. 1939 Tagebuch und schilderte in insgesamt sieben Heften das Geschehen in Lodz und im dortigen Getto Litzmannstadt (zwei Hefte gingen 1945 verloren); das Tagebuch endet im April 1943, der Verfasser verstarb ein Vierteljahr später an Tuberkulose.

Handschriftl. Tagebuch


[…]

Dienstag, den 12. Dezember, Lodz. Ein lausiger Tag. In der Schule sind immer weniger Lehrer. Man hat schon gar keine Lust mehr hinzugehen, wegen des ständigen Lesens als Unterrichtsersatz und des vorgezogenen Unterrichtschlusses. Auf dem Nachhauseweg sehe ich plötzlich auf der Kilińskiego-Straße eine furchtbare Szene. Es kommt ein Jude und hinter ihm her ein Deutscher, der wie ein Kutscher gekleidet ist und ihn mit einem riesigen Stock auf den Rücken schlägt, sodass er sogar ins Wanken gerät (der Deutsche, und der Jude beugt sich immer tiefer, ohne sich umzudrehen, damit er keinen Schlag von vorne abbekommt). Ich begann am ganzen Körper zu zittern, bin so schnell wie möglich in die Cegielniana-Straße abgebogen und zu Frydrych, einem Schulfreund aus dem ersten Gymnasium, gegangen. Ich blieb lange bei ihm, um erst in der letzten Stunde nach Hause zu gehen, wenn die Möglichkeit, festgenommen zu werden, am geringsten ist. Bei dieser Gelegenheit habe ich eine Verordnung gelesen, nach der die judengelben Flecken gegen gelbe, 10 cm große „Davidsterne“, die rechts auf der Brust und auf der rechten Schulter zu tragen sind, ausgetauscht werden. Die Barbarei schreitet voran. Bald lassen sie uns wohl mit rotzverschmierten Nasen und in kurzen Hosen rumlaufen. Der sadistische Ideenreichtum kennt – wie man weiß – keine Grenzen. Am Abend: Neue Arbeit – die Armbinden abreißen und die neuen Verzierungen annähen.

 

Mittwoch, den 13. Dezember, Lodz. Heute durfte ich nicht in die Schule. Am Vormittag gab es wieder Aufregung und Angst. Eine Stunde, nachdem Nadzia in die Schule gegangen ist, kommt Dadek Hamer und erzählt, dass die Juden aus den Straßen Nowo-Zarzewska und Rzgowska in den leeren Markthallen eingesperrt und später ins Lubliner Land gebracht werden. Natürlich stellt sich Vater gleich vor, dass sie Nadzia (deren Schule in der Nowo-Zarzewska-Straße liegt) auch geschnappt haben usw. Zum Glück stellte sich alles als leeres Gerede heraus, und Nadzia kehrte unversehrt zurück. Dagegen kam am Abend eine schreckliche, diesmal aber wahre Nachricht. In der Stadt herrscht eine ungeheure Panik, da die jüdische Gemeinde bekanntgab, dass die Juden Lodz verlassen müssen. In den nächsten vier Tagen darf angeblich jeder, der will, aus der Stadt wegfahren, wohin er will (nur nicht ins Reichsgebiet). Denn danach beginnt die Massenaussiedlung. Die Gemeinde muss den Armen jeweils 50 Zł. für die Ausreise zuteilen und schon heute damit beginnen, sie wegzuschicken. Alle verlieren den Kopf. Man beschränkt sich auf Rucksäcke, Taschen usw.