Dok. 04-033
The New York Times: Artikel vom 6. November 1939 über die Judenverfolgung im besetzten Polen und eine drohende Hungersnot

Die Zwangslage der Juden in den von den Deutschen besetzten Gebieten Polens

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  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Per Funk übermittelt

Paris, 5. Nov. – Die Zwangslage der Juden in den von den Deutschen besetzten Gebieten Polens ist offenbar schlimmer als im Reich. Unablässig gehen hier sowohl bei der polnischen Regierung als auch bei den jüdischen Hilfsorganisationen Meldungen ein über die brutale und umfassende politische Verfolgung der polnischen Juden.

In Berichten aus Deutsch-Polen heißt es:

Etwa 1,5 Millionen in dem Gebiet verbliebene Juden sind nach dem Willen der Nazis zum Verhungern verurteilt. Die in Lodz und anderen westpolnischen Städten begonnene Beschlagnahmung jüdischen Besitzes geht nun in großem Umfang auch in Warschau weiter. Nazi-Treuhänder haben die jüdischen Großhandelsbetriebe übernommen. In vielen gewinnträchtigen Berufen und Gewerben dürfen Juden nicht mehr tätig sein. Es ist ihnen lediglich gestattet, eine Summe von maximal 400 Dollar zu behalten. Unter dem Vorwand, nach Waffen zu suchen, führen die Nazis in jüdischen Wohnungen Razzien durch und konfiszieren jüdisches Eigentum.

Auch das Vermögen jüdischer religiöser Gruppierungen ist beschlagnahmt worden, Krankenhäuser und Schulen wurden requiriert. Nur die Joint Commission darf Essen an Juden verteilen, die aus den Warteschlangen vor den Lebensmittelgeschäften verjagt werden. Juden erhalten auch keine Brotmarken mehr.

Aus dem Konzentrationslager Dachau ist ein „Fachmann“ nach Warschau gekommen, um ein Konzentrationslager für Juden zu errichten.

In den Provinzen ist die Lage noch schlimmer. Es soll zu Pogromen gekommen sein, die in Kaluszyn 50 Opfer gefordert haben sollen; aus Lukow heißt es, es seien 30 Polen und 30 Juden hingerichtet worden; aus Pultusk wird berichtet, es sei in jedem Haus ein Jude exekutiert worden, weil angeblich in einer Straße auf deutsche Soldaten geschossen worden war.

In einem Dorf rettete der katholische Pfarrer vielen Juden das Leben, indem er sich selbst als Geisel anbot, um die von den Juden verlangte „Zwangsabgabe“ von 4000 Dollar zu garantieren.

In Lodz forderte man alle jüdischen Bewohner auf, ihre Wohnungen und Häuser an der Hauptstraße zu räumen und sie in tadellosem Zustand zu hinterlassen. Dort sollen Deutsche aus den baltischen Staaten angesiedelt werden. Den Juden wurde gesagt, sie sollten in den von den Sowjets besetzten Teil Polens fliehen, aber Tausende der nach Osten Vertriebenen sind von den Russen nicht durchgelassen worden. Deren Misstrauen gegenüber den Nazis führt dazu, dass sie niemandem mehr erlauben, die deutsch-sowjetische Grenze zu überqueren.

Die Lage wird noch dadurch erschwert, dass man ehemals in der Tschechoslowakei ansässige polnische Juden nach Polen ausgewiesen hat. Auch aus Schlesien und anderen westlichen Landesteilen werden Juden vertrieben. Die Zwangsumsiedlung der erwachsenen Männer hat bereits begonnen. Frauen und Kinder sollen getrennt von ihnen abtransportiert werden.

Währenddessen zwingen die Russen Tausende polnische Flüchtlinge, die von Westen aus nach Lemberg geflohen sind, zur Rückkehr auf deutsches Gebiet. Die Deutschen lassen sie nicht durch, und die Sowjets erlauben ihnen nicht, umzukehren. Auf beiden Seiten der Demarkationslinie lagern daher Tausende auf den Feldern.