Dok. 04-006
Ein Mitglied der jüdischen Jugendbewegung berichtet am 9. September 1939 über Pogrome in Lodz

Der Wolf sprang aus dem Schafspelz

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Tagebuch von Yarden: Yarden gehörte einer Gruppe des zionistischen Jugendbunds Haschomer Hazair in Lodz an. Das Tagebuch umfasst vier Schönschreibhefte, die später in Wilna aufgefunden wurden. In ihnen werden Erlebnisse in verschiedenen poln. Städten während der ersten Monate der deutschen Besatzung geschildert. Die Identität des Verfassers oder der Verfasserin ist nicht geklärt.

Handschriftl. Tagebuch von Yarden

 

9. September 1939

Der Wolf sprang aus dem Schafspelz – mit langen Zähnen, hungrig nach Beute. An den Straßenecken lauern sie uns auf, unsere Nachbarn von gestern und vorgestern – die deutschen Einwohner von Lodz. Ausgenüchtert vom Rausch des Festtags. Nun kommt die Zeit für Taten. Die Augen der blutrünstigen Bestie beobachten wachsam, wer vorbeikommt.

„Jude!“, knurrt plötzlich eine wilde Stimme. Das armselige Opfer bricht sofort kraftlos unter dem Hagel harter Schläge zusammen. Mit Scheren bewaffnete Rüpel wüten in den Straßen der Stadt. Sie haben die Ehre, der Erlöserarmee zu beweisen, dass sie die Lehre ihrer Meister gut verinnerlicht haben. Mordend stürzen sie sich auf jüdische Passanten – sie schonen weder Alte noch Greise –, schneiden Bärte ab, reißen Haare aus, bis Blut fließt, ein süffisantes Lächeln im Gesicht. Dies ist ihre nationale Aufgabe, die sie zum Glanze ihres Volkes voll und ganz erfüllen!

Die Lodzer Juden sind betreten, die Angst hat Gift in ihre Herzen gesät. Es ist gefährlich, hinauszugehen. Es dauerte nur wenige Stunden, bis das Nazigift das Leben Tausender Menschen verseucht hat, und wie wird es weitergehen? Wie werden wir dem standhalten? ...

Unser Nachbar B. wurde zur Arbeit ins Hauptverwaltungsgebäude gebracht. Nachdem er den Boden geschrubbt hatte, befahl man ihm, diesen mit seinem Mantel nachzuwischen. Als er aus Verblüffung über das merkwürdige Ansinnen einen Augenblick zögerte, wurde er grausam zu Boden gestoßen, die Soldaten schleiften ihn mit ihren starken Armen kreuz und quer durch den Raum. Nachdem seine Kleidung genug schmutziges Wasser vom Boden aufgesogen hatte, stellten sie ihn auf seine verdreckten Beine, rasierten in der Mitte seines Kopfes einen Streifen Haare ab und stießen ihn, in diesen „Stand“ versetzt, nach draußen.

Hätte ich nicht mit eigenen Augen gesehen, wie er nach Hause kam, hätte ich nicht aus seinem Munde gehört, in welcher Weise die Angehörigen dieses „Kultur“-Volkes ihn misshandelt hatten, hätte ich im Leben nicht geglaubt, dass Menschenhände so etwas tun können. Doch der Spötter der Wirklichkeit feiert weiterhin seinen großen Sieg. Er erscheint von Zeit zu Zeit und entblößt mit ungehörigem Lachen seine verfaulten Zähne vor uns. Mit Teufelskrallen fährt er unter den Stoff des hehren Traums, reißt ihn in Stücke und grinst: Sieh her, dies ist die Wirklichkeit! – Doch das Schreckliche ist die Erkenntnis, dass wir in dieser Wirklichkeit leben müssen, die der Teufel erschafft, ohne Richter, ohne Gesetz, ohne Protest!