Dok. 03-236
Helga Hošková schildert in ihrem Tagebuch den deutschen Einmarsch in die Tschecho-Slowakei am 15. März 1939

Es war am 15. März 1939, als das Leben mich

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Helga Hošková, geb. Weiss (*1929), Künstlerin, Illustratorin, Lehrerin; wurde am 7.12.1941 zusammen mit ihren Eltern nach Theresienstadt und im Okt. 1944 nach Auschwitz deportiert, von dort über Freiberg bei Dresden nach Mauthausen, wo sie 1945 von US-Truppen befreit wurde; kehrte im Mai 1945 nach Prag zurück und studierte später Kunst, lebt in Prag.

 

Otto Weiss (1898–1944), Angestellter; stammte aus Pardubitz, im Ersten Weltkrieg verwundet, nach 1918 in Prag Angestellter in der Länderbank; er wurde im Dez. 1941 nach Theresienstadt, im Okt. 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

Irena Weiss, geb. Fuchs (1906–1990), Schneiderin; wurde zusammen mit ihrer Tochter nach Theresienstadt, Auschwitz und Mauthausen deportiert und dort befreit; kehrte mit ihrer Tochter in ihre Vorkriegswohnung in Prag zurück, arbeitete in einem Staatsbetrieb als Schneiderin.

Handschriftl. Tagebuch


Es war am 15. März 1939, als das Leben mich zum zweiten Mal mit der Wirklichkeit konfrontierte. Als ich am Morgen aufwachte, sah ich Vati und Mutti mit gesenkten Köpfen am Radio sitzen. Zunächst wusste ich nicht, was passiert war, ich bekam es aber bald mit, denn im Radio meldete sich der Nachrichtensprecher und sagte: „Heute um 6 Uhr 30 überschritt die deutsche Armee die Grenzen der Tschechoslowakei.“ Noch heute kann ich die Stimme klar hören. Ich habe zwar nicht viel vom Inhalt der Worte verstanden, spürte aber, dass sich hinter ihnen etwas Schreckliches verbarg. Der Nachrichtensprecher meldete sich dann noch mehrmals. Er mahnte die Einwohner zu Ruhe und Festigkeit. Ich blieb noch eine Weile liegen. Vati setzte sich zu mir ans Bett. Er sagte kein Wort. Ich nahm seine Hand. Ich fühlte, wie sie zitterte. Vati war ernst, man konnte ihm anmerken, dass er sehr aufgeregt war. Es herrschte Stille, die nur vom leisen Ticken der Uhr unterbrochen wurde. Es lag etwas in der Luft. Niemand wollte das peinliche Schweigen beenden. So verharrten wir mehrere Minuten. Dann zog ich mich an und ging in die Schule. Mutti begleitete mich an jenem Tag. Unterwegs sahen wir bekannte und unbekannte Gesichter. In ihren Augen konnte man Angst und Traurigkeit lesen sowie die Frage: „Wie wird es weitergehen?“

[…]

An jenem Tag haben wir nicht viel gelernt. Wir waren alle zerstreut und atmeten auf, als es läutete. Wir gingen nach Hause. Auf viele von uns warteten die Eltern. Auch meine Mutter kam mich abholen. Auf dem Heimweg sahen wir schon viele deutsche Autos und Panzer. Die Soldaten waren schlecht angezogen, und die Autos waren aus dünnem Blech. Obwohl ihre Ausrüstung schlecht war, jagte uns das alles einen Schrecken ein. Das Wetter war an jenem Tag abscheulich. Es fiel Regen und Schnee, der Wind heulte. Als ob die Natur rebelliert hätte. So wurden wir plötzlich vom Deutschen Reich „beschützt“, ohne zu wissen, wie und wovor. Die Slowakei unterlag den Reizen Deutschlands und trennte sich von den böhmischen Ländern im blinden Glauben, damit zu einer unabhängigen, freien Nation zu werden. Wir bekamen auch einen neuen Namen. Statt Tschechoslowakei nannte man uns jetzt Protektorat Böhmen und Mähren.

Seit dem 15. März gab es keinen einzigen ruhigen Tag mehr.