Dok. 03-208
Der „Judenreferent” des Auswärtigen Amts erfährt am 21. August 1941, dass Hitler der Kennzeichnung der Juden zugestimmt habe

Sturmbannführer Eichmann vom Reichs­sicherheitshauptamt rief mich an und

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Martin Luther (1895–1945), Möbelspediteur; 1932 NSDAP- und SA-Eintritt; seit 1936 Hauptreferent im Amt Ribbentrop, wechselte 1938 ins Auswärtige Amt, von 1940 an Leiter der Abtl. Deutschland im Auswärtigen Amt; 1940 SA-Oberführer; 1941 Unterstaatssekretär, 1942 Vertreter des Auswärtigen Amts bei der Wannseekonferenz, 1943–1945 nach einem Komplott gegen Ribbentrop inhaftiert, starb kurz nach Kriegsende.

Vermerk, gez. Rademacher

mit Notiz von Unterstaatssekretär Luther

 

Aufzeichnung

Sturmbannführer Eichmann vom Reichssicherheitshauptamt rief mich an und teilte mir vertraulich mit, SS-Gruppenführer Heydrich habe aus dem Führerhauptquartier ein Fernschreiben erhalten, wonach der Führer genehmigt habe, daß die Juden in Deutschland eine Kennzeichnung tragen.

Eichmann fragte mich nach meiner Meinung, ob ausländische Juden einbezogen werden könnten. Ich habe ihm geantwortet, ausländische Juden sollten grundsätzlich ausgenommen werden, da sonst zu befürchten sei, daß z.B. in Nordamerika Repressalien ergriffen und deutsche Staatsangehörige gezwungen werden, ebenfalls eine Kennzeichnung zu tragen.

Die Frage, ob Juden mit der Staatsangehörigkeit europäischer Nationen einbezogen werden könnten, würde ich klären. Eichmann versprach mir, sofort offiziell Nachricht von ihrem Vorhaben zu geben, sobald er das Fernschreiben in der Hand hätte.

Ich rege an, eine Entscheidung des Herrn Reichsaußenministers in dieser Frage herbeizuführen und folgende Vorschläge zu machen:

1. Bezüglich der besetzten Länder ohne weiteres zuzustimmen.

2. Im übrigen aber das Einverständnis der befreundeten europäischen Regierungen und der französischen Regierung einzuholen und diesen nahezulegen, für ihren Hoheitsbereich eine ähnliche Regelung durchzuführen.

3. Sobald die Zustimmung dieser Regierungen vorliegt, dem Reichssicherheitshauptamt zu raten, die Anordnung formell auf alle Juden auszudehnen und nur durch interne Anweisung an die zuständigen Polizeibehörden die Juden außereuropäischer Staatsangehörigkeit auszunehmen.

Einem Protest der Schweizer oder der Schwedischen Regierung kann m.E. ruhig entgegengesehen werden.

Hiermit Herrn Unterstaatssekretär Luther mit der Bitte um Kenntnisnahme vorgelegt.

 

Urschriftlich

Parteigenossen Rademacher, D III

zurückgereicht. Auf meine Frage erzählte mir Gruppenführer Heydrich heute, daß Reichsminister Dr. Goebbels die Frage der Kennzeichnung der Juden in Deutschland vor einigen Tagen dem Führer vorgetragen und von diesem die Entscheidung erhalten habe, daß die Juden in Deutschland gekennzeichnet werden sollen. Die Kennzeichnung wird in Form einer weiß-gelben Armbinde erfolgen. Gruppenführer Heydrich bat mich gleichzeitig, die Entscheidung des AA [Auswärtigen Amtes] wegen der ausländischen in Deutschland lebenden Juden herbeizuführen.

Die in Ihrer Aufzeichnung niedergelegten Vorschläge würde er begrüßen. Ich bitte, eine Vortragsnotiz für den Herrn RAM [Reichsaußenminister] anzufertigen.

Berlin, den 22. August 1941