Dok. 03-173
Willy Cohn hält am 1. April 1941 in seinem Tagebuch fest, dass er von der Ermordung jüdischer Geisteskranker in Chełm bei Lublin gehört hat

Breslau, Dienstag. Heute war für mich schon ein sehr bewegter und anstrengender

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  • 1941
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Dr. Wilhelm (Willy) Cohn (1888–1941), Lehrer, Historiker; Zionist, SPD-Mitglied; von 1919 bis zu seiner Zwangspensionierung 1933 Gymnasiallehrer in Breslau, verdiente von da an seinen Unterhalt mit Vortragsreisen zur jüdischen Geschichte; seine Auswanderungspläne nach Palästina scheiterten; am 25.11.1941 wurde er nach Kaunas deportiert und dort ermordet.

Handschriftl. Tagebuch


Breslau, Dienstag. Heute war für mich schon ein sehr bewegter und anstrengender Tag; ich halte ja leider nicht viel aus! Beim Milchholen lange gewartet; Bank; dort die Freude gehabt, daß von der Lehranstalt 100 Mark eingegangen waren. Ich hänge ja nicht sehr am Gelde, aber man braucht es schließlich doch zum Leben. Und ich muß ja überhaupt noch besonders dankbar sein, daß ich verdienen darf. Auf der Bank aber auch einen sehr traurigen Eindruck gehabt. Ich sah gerade, wie ein älterer Jude eine Rechnung der Irrenanstalt Chełm bei Lublin bezahlte. Das ist die Anstalt, von der erzählt wird, daß man dort alle jüdischen Geisteskranken umbringt. Ich fragte ihn voll Mitgefühl, ob er für jemanden bezahlt, der hoffentlich noch am Leben ist; worauf er sagte, seine Frau lebe jedenfalls nicht mehr. Ich fragte ihn, wo sie vorher gewesen sei: „In Braniß“ und ob sie ganz wahnsinnig gewesen sei, worauf er sagte, sie habe eine Manie gehabt. Es ist grausig, wie man mit den kranken Menschen verfährt. Auch ein früherer Schüler von mir, Mamlok aus Militsch, ist dort an „Kreislaufschwäche“ gestorben; man schickt dann einfach Todesanzeigen mit solchen Diagnosen. Die Nachricht hatte mich so mitgenommen, daß ich mich dann in der Straßenbahn ein Stück verfahren habe.

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