Dok. 02-329
Walter Tausk sieht Ende August 1939 seine Auswanderungspläne durch den bevorstehenden Krieg bedroht

Sonnabend, den 26.8.1939
An Auswanderung ist natürlich nicht

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Walter Tausk (1890–1941), Vertreter für Möbel und Textilien in Breslau, nach 1933 Gelegenheitsarbeiter; trat 1917 zum Buddhismus über, Mitglied des Bundes für buddhistisches Leben; 1941 nach Kowno (Kaunas) deportiert und dort ermordet.

Tagebucheintrag von Walter Tausk, Breslau

 

Sonnabend, den 26.8.1939

An Auswanderung ist natürlich nicht zu denken. Holland hat alle Häfen für fremde Kriegsschiffe – und alle Gewässer für jedes fremde Schiff gesperrt. Die Grenze soll angeblich auch schon gesperrt sein. Ich und mancher andere, der heute auf den Schiffahrtsstellen nachfragte, bekam ein Achselzucken und nervöse Stimmen als Antwort. Niemand wußte Bescheid. Auf dem amtlichen Reisebüro der Reichsbahn kam ich gerade dazu, wie ein Beamter die Weisung gab: „Alle Urlauber, auch befristete Urlaubskarteninhaber, sind fahren zu lassen. Von morgen an gelten andere Bestimmungen.“

Von morgen an ist nämlich Krieg!

Erwähnt muß werden, daß sich die deutsche Presse in den letzten Tagen mit Greuelnachrichten aus Polen, Hetzartikeln und Schandtaten aller Art geradezu überschlug – nur um Stimmung im Volk für den Krieg zu machen. Aber die Auslandssender, die ja heute jeder fast hören kann, stellten diese Berichte gut zu neunzig Prozent als Lügen fest.

[…]

Der Ausschank von Branntwein wurde Montag verboten: „Um die öffentliche Ruhe und Sicherheit nicht zu stören.“ In Wirklichkeit aus diesen Gründen, erstens: alle kleinen Kneipen und Kaschemmen lagen mit besoffenen Soldaten voll. Ich habe seit vorigem Montag mehr derartige Leute gesehen als im mitgemachten Krieg durch alle seine Jahre. Zweitens: Sonntag abend wurden auf dem Hauptbahnhof Transporte verladen.

In Breslau waren Montag wahre Stürme auf die Banken und Sparkassen, die sich auch heute noch ereigneten. Das Volk redet offen und überall von den Zuständen und gibt seinem Unmut in jeder Weise Luft.