Dok. 02-229
Paul Martin Neurath reflektiert über Krankheit und Tod im Konzentrationslager im Jahr 1938

Die Sterberate im Lager
ist extrem hoch, aber

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Dr. Paul Martin Neurath (1911-2001), Jurist und Soziologe; nach dem Anschluss in Wien verhaftet, am 1.4.1938 nach Dachau, im September von dort nach Buchenwald verschleppt, im Mai 1939 entlassen; Emigration über Schweden in die USA, Professor für Soziologie in New York.

Krankheit und Tod

Die Sterberate im Lager ist extrem hoch, aber die Zahl der Männer, die direkt an Misshandlungen sterben oder erschossen werden, ist erheblich kleiner, als die Menschen draußen annehmen dürften. Das Lager bringt seine Opfer gewöhnlich auf weniger spektakuläre Weise um. Es gleicht weniger einem wüsten Mörder, der Amok läuft, als einer furchtbaren Maschine, die ihre Opfer langsam, aber gnadenlos zermalmt. Die größte Zahl der Todesfälle ist auf die allgemeinen Bedingungen zurückzuführen: Gewöhnlich kann man nicht einmal genau sagen, woran jemand gestorben ist. Wenn man vom Tod eines Mannes hört und fragt: „War etwas Besonderes mit ihm?“, lautet die Antwort in den allermeisten Fällen: „Nein, nichts Besonderes. Der Buchenwald hat ihn geschluckt.“

Die Männer sind überarbeitet, zu dünn gekleidet und unterernährt. Sie arbeiten bei jedem Wetter, bei Regen und Schnee und glühender Sonne. Wunden und Krankheiten werden nicht behandelt, bis sie ein Stadium erreicht haben, in dem man sie nicht mehr ignorieren kann, und die Behandlung wird eingestellt, ehe der Patient wirklich geheilt ist. Innere Krankheiten werden fast gar nicht behandelt, weil diejenigen, die sich über Krankheiten beklagen, die man nicht sehen kann, als Simulanten gelten. Für Männer mit Erkrankungen der Verdauungsorgane gibt es keine besondere Diät, außer für die wenigen Fälle, die in den Krankenbau aufgenommen werden. Für Zuckerkranke gibt es weder Insulin noch sonst eine Behandlung, ebenso wenig für Herzkrankheiten oder für Erkrankungen der Atemwege. Nur eine voll entwickelte Lungenentzündung wird anerkannt, und bei dieser beträgt die Sterberate sechzig bis siebzig Prozent. Arthritis ist eine unbekannte Krankheit, weil man sie nicht sehen kann, ebenso wie praktisch alle Nervenkrankheiten.

[…]

Wenn die Männer Erkältungen haben, bei denen man normalerweise ein paar Tage das Bett hüten oder sich vielleicht auch nur ein paar Tage lang nicht wohl fühlen würde, müssen sie weiter arbeiten, bis das Fieber auf mindestens 39,4° gestiegen ist. Dann kommen sie, wenn sie Glück haben, in den Krankenbau – aber dann ist es oft auch schon zu spät, und es ist bereits eine Lungenentzündung daraus geworden. Im Winter nahmen die Erfrierungen katastrophale Ausmaße an. Die Männer kamen zu Hunderten mit Erfrierungen an, mehr, als der Krankenbau behandeln konnte. Die meisten wurden wieder weggeschickt. Manche erhielten die einzig verfügbare Behandlung: täglich eine Stunde Baden der Hände in lauwarmem Wasser. Dann zurück zur Arbeit. In Ausnahmefällen wurden ihnen ein paar Tage Arbeitsbefreiung gewährt.

Den Sommer über durften die Häftlinge kein Wasser trinken. Stattdessen wurden sie zu schnellerer Arbeit angetrieben. Viele starben an Sonnenstich oder an allgemeiner Erschöpfung.

[…]

Wenn jemand stirbt, schreibt einer der Männer im Krankenbau einen Krankenbericht. Aus dem in medizinischen Begriffen abgefassten Bericht geht hervor, dass der Mann an einer Herzkrankheit oder an Arteriosklerose oder Tuberkulose oder sonst irgendeiner inneren Krankheit gestorben ist. Detailliert wird geschildert, wie er mit bestimmten Symptomen in den Krankenbau eingeliefert wurde, wie sich an einem bestimmten Tag sein Zustand verschlechterte, eine Krisis eintrat und er dann starb. Dieser Krankenbericht wird geschrieben, ganz egal, woran der Mann gestorben ist. […]

Dieser Krankenbericht wird dann zur Personalakte gegeben, und von nun an ist der Mann für alle späteren Nachfragen an einer Herzkrankheit gestorben oder an Arteriosklerose oder an was sonst sich der SS-Arzt für ihn zusammenfantasiert hatte.

[…]

Es ist der gleiche merkwürdige Hang zur Legalität, der sich durch allen Naziterror zieht. Alles muss seinen Platz in einem Karteikasten haben, wo jeder nachsehen und sich selbst davon überzeugen kann, dass alle einschlägigen rechtlichen Bestimmungen eingehalten und keine illegalen Mittel angewendet wurden, um einen Menschen vom Leben zum Tode zu befördern – schließlich war es sein Pech, dass er zufällig herzkrank war; das kann man nun nicht dem Konzentrationslager anlasten!