Dok. 02-138
Ruth Maier beschreibt am 11. November 1938 den Pogrom, Misshandlungen und Verhaftungen von Juden in Wien

Sie haben uns geschlagen! Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt

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Ruth Maier (1920–1942), Gymnasiastin; floh im Jan. 1939 nach Lillestrøm, Norwegen; 1940 Abitur; 1940–1942 Arbeit im freiwilligen Frauenarbeitsdienst; im Sept. 1942 zog sie nach Oslo um, wo sie ihren Lebensunterhalt mit kunsthandwerklichen Arbeiten und Modellstehen verdiente und Abendkurse an der Kunst- und Handwerksschule belegte; im Nov. 1942 wurde sie verhaftet, nach Auschwitz deportiert und ermordet.

 

Judith Suschitzky, geb. Maier (*1922), jüngere Schwester von Ruth Maier; emigrierte 1939 nach Großbritannien.

Handschriftl. Tagebucheintrag


Sie haben uns geschlagen! Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt habe. Ich weiß jetzt, was Pogrome sind, weiß, was Menschen tun können, Menschen, die Ebenbilder Gottes.

In der Schule sagte uns der Direktor: „Ja, also, sie zünden Tempel an, verhaften, schlagen ... vor der Tür steht ein Lastauto ... Drei Professoren haben sie verhaftet.“ ... Dann werden wir nach der Reihe zum Telefon gerufen ... wie in einem Schlachthaus, wir trauten uns nicht auf die Straße, lachten ... machten Witze, waren nervös ... Mit dem Taxi fuhren Dita u. ich nach Hause, es sind 100 Schritte. Wir rasten durch die Straße, es war wie im Krieg ... Leute starrten, kalte Luft, Gestalten u. vorn ein Lastauto mit Juden, ganz aufrecht, wie Schlachtvieh! Diesen Anblick werd’ und darf ich nie vergessen. Juden wie Schlachtvieh im Lastauto … Leute starren.

Wir schlüpften wie gehetztes Wild ins Haus, keuchten die Stiegen hinauf. Dann begann es. Sie schlugen, sie verhafteten, zerdroschen Wohnungseinrichtungen etc. Wir saßen alle so bleich zu Haus und von der Straße kamen Juden zu uns wie Leichen.

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