Dok. 02-034
Eichmann berichtet seinem Freund und Vorgesetzten Herbert Hagen am 8. Mai 1938, wie er die Wiener Juden kontrolliert

Lieber Herbert!
Heute will ich Dir wieder einmal ein Brieferl

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Adolf Karl Eichmann (1906–1962), Vertreter; 1932 NSDAP- und SS-Eintritt; 1934–1938 im SD-Hauptamt tätig, von Sommer 1938 an Leiter der Geschäfte der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien und 1939 der Zentralstelle in Prag, von Dez. 1939 an Sonderreferent des Reichssicherheitshauptamts für die Räumung der annektierten Ostprovinzen, dann Leiter des Reichssicherheitshauptamt-Referats IV D 4, später IV B 4 (Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten); 1945–1946 Inhaftierung, 1946 Flucht, 1950–1960 in Argentinien untergetaucht, 1960 nach Israel entführt, dort 1961 zum Tode verurteilt und 1962 hingerichtet.

 

Herbert Hagen (1913–1999), kaufmännischer Angestellter; 1933 SS- und 1937 NSDAP-Eintritt; von 1934 an für den SD tätig, 1937–1939 Leiter der Abt. II 112 („Judenreferat“) des SD, von 1940 an für den SD in Frankreich tätig, 1942–1944 dort persönlicher Referent des Höheren SS- und Polizeiführers; 1945–1948 interniert, 1955 in Paris wegen Kriegsverbrechen in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, 1980 durch das Landgericht Köln zu zwölf Jahren Haft verurteilt, 1984 entlassen.

Handschriftl. Brief von Adolf Eichmann aus Wien an Herbert Hagen, Berlin

 

Lieber Herbert!

Heute will ich Dir wieder einmal ein Brieferl schreiben. […]

Sämtliche jüd. Organisat. in Öst. sind zur 8-tägigen Berichterstattung angehalten worden. […] Ich hoffe, Dir die ersten Berichte gleich morgen mitschicken zu können.

Am Freitag n[ächster] Woche erscheint die erste Nummer der zionist. Rundschau. Ich habe mir die Manuskripte einsenden lassen und bin gerade bei der langweiligen Arbeit der Zensur. Die Zeitung geht Euch selbstverständlich auch zu. Es wird gewissermaßen „meine“ Zeitung [werden].

Jedenfalls habe ich die Herrschaften auf den Trab gebracht, was Du mir glauben kannst. Sie arbeiten dzt. auch schon sehr fleißig. Ich habe von der Kultusgemeinde und dem Zion. Landesverband eine Auswanderungszahl von 20 000 mittellosen Juden für die Zeit vom 1. IV. 38 – 1. V. 39 verlangt, was sie mir auch zusagten einhalten zu wollen.

[…]

Morgen kontrolliere ich wieder den Laden der Kultusgemeinde und der Zionisten. Dies mache ich jede Woche mindestens einmal. Ich habe sie hier vollständig in der Hand, sie trauen sich keinen Schritt, ohne vorherige Rückfrage bei mir zu machen. So ist es auch in Ordnung wegen der besseren Kontrollmöglichkeit.

Die Gründung einer 4. jüd. polit. Spitzenorganisation (ähnlich dem „Hilfsverein“) können wir uns ersparen, denn ich habe der Kultusgemeinde aufgetragen, innerhalb dieser Gemeinde ein Zentralauswanderungsamt auch für alle außerpalästinensischen Länder zu schaffen. Die vorbereitenden Arbeiten hierfür sind bereits im Gange.

In ganz großen Zügen ist die Lage der Dinge jetzt folgende:
Arisierung, Juden in d. Wirtschaft usw. behandelt lt. Erlass Gauleiter Bürkel.
Das weitaus schwierigere Kapitel, diese Juden zur Auswanderung zu bringen, ist Aufgabe des SD [Sicherheitsdienstes]. Auf diese Auswanderung wurde ja jetzt auch nach Reorganisierung der Kultusgemeinde und des zion. Landesverb. f. Ö. deren Arbeit ausgerichtet.

Ich hoffe, Dich hiermit wieder kurz auf dem Laufenden gehalten zu haben.

Ich selbst komme, glaube ich, als Abteil.[ltr.] auf einen U.A., nachdem die Sache in Wien läuft und ein eingearbeiteter Ref[erent] hier ist. Weißt Du, es tut mir ehrlich leid, daß ich wahrscheinlich von der Arbeit, die ich gerne machte und in der ich gewissermaßen jetzt schon seit Jahr und Tag „zu Hause“ war, weggehen muß, aber Du wirst ja selbst verstehen, daß ich mit meinen 32 Jahren nicht gerne „zurückgehe“. Unser Chef ist ein ganz ausgezeichneter Vorgesetzter, der für solche Dinge Verständnis hat.

Grüße an alle Kameraden von II 112.

Euer alter Adolf

Bestätige mir bitte jeweils kurz den Erhalt meiner Briefe