Dok. 02-017
David Schapira berichtet über die Misshandlung von Wiener Juden nach dem Anschluss

Ich bin 42 Jahre alt, Jude, Arzt und habe 25 Jahre lang

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Dr. David Schapira (*1898), Arzt; von Sept. 1938 bis Mai 1939 im KZ Buchenwald inhaftiert, emigrierte 1939.

Bericht für ein Preisausschreiben der Harvard University (1940)

 

Ich bin 42 Jahre alt, Jude, Arzt und habe 25 Jahre lang, ohne Unterbrechung, in Wien gelebt.

[…]

11. März 1938. Einzug der deutschen Nazi in Wien. Die Nazis sind sehr gute Propagandisten. An demselben Vormittag waren überall Nazipropagandainschriften und Embleme zu sehen. Die Propaganda und Massensuggestion waren so vollkommen, dass die riesige Begeisterung der Massen ursprünglich echt war. Sie ist dann später zu einer ebensolchen Enttäuschung geworden.

Schon an demselben Tage sah der antisemitische Pöbel seine Zeit für gekommen. Juden wurden auf den Strassen blutig geschlagen, angespuckt und beschimpft. Juden mit gebrochenen Rippen, blutigen Schädeln, ausgebrochenen Zähnen kamen in Massen in die Ambulanz des jüdischen Spitales. – Um nur ein Beispiel anzuführen, wurden eines Nachmittags die Juden in der Hauptallee, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, zusammengetrieben und gezwungen „Froschhüpfe zu machen“ und selbst zu rufen „Juda verrecke“ oder „Ich bin ein Saujud“. Sie mussten Spiessrutenlaufen und ähnliches. – Demütigungen von Juden waren auf der Tagesordnung.

Alte Frauen und Männer, angesehene Rabbiner, Aerzte, Rechtsanwälte wurden zur Strassenreinigung oder Autoreinigung herangezogen.

Ich selbst wurde von halbwüchsigen Hitlerjungen zum Strassenreinigen geholt. Ich musste meinen eigenen Besen und Kübel mitnehmen. Unter dem Gejohle des Pöbels wurde ich zur „Arbeitsstätte“ geführt. Zur Ehrenrettung mancher Arier muss ich erwähnen, dass einzelne arische Frauen, die mich kannten und das sahen, weinten. – Einen Schutz seitens der Polizei hat es überhaupt nicht gegeben.

Die Schaufenster und die Firmentafeln der jüdischen Geschäfte wurden mit antijüdischen Hetzinschriften beschmiert, z.B. „Juda verrecke“, „Saujud“, „Rassenschänder“, „Jüdischer Betrüger“, „Jud gehörst nach Dachau“, „Auf den Galgen mit den Juden“. Zur Illustration wurden Zeichnungen von Judenköpfen, Galgen mit hängenden Juden und ähnliches angebracht.

Totaler Boykott der damals noch offenen jüdischen Geschäfte, Aufstellen von Boykottposten. Wenn sich als allerseltenste Ausnahme ein Arier in ein jüdisches Geschäft wagte und dabei erwischt wurde, wurde ihm eine Tafel umgehängt mit der Aufschrift „Ich deutsches Schwein kaufe beim Juden ein“ und [er] musste vom johlenden Pöbel begleitet durch die Strassen ziehen.

Kein Wunder, wenn schon in den ersten Tagen die vernünftigeren und rührigeren Juden, Böses ahnend, alles zurücklassend, versuchten, nur das nackte Leben zu retten und über die Grenze zu kommen.

Es begann der Raub des jüdischen Vermögens. Seit den ersten Tagen begannen uniformierte und nichtuniformierte Nazis jüdische Geschäfte zu plündern, pardon – zu „requirieren“. Dabei vergassen sie nicht, das Bargeld und den Schmuck der Geschäftsinhaber mitzunehmen. Schreibmaschinen wurden mit Vorliebe „requiriert“. Auch in Privatwohnungen wurde „nachgeschaut“. Dabei wurde Wäsche, Kleider, Schmuck, Pelze, Teppiche, Radioapparate, kurz alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitgenommen, und zwar nur deswegen, weil angeblich nur kommunistische Flugschriften oder Waffen gesucht wurden. Da Flugschriften nicht gefunden wurden, wurden welche von den „Amtshandelnden“ mitgebracht und hingelegt. Jeder Versuch, sich zu widersetzen, konnte die gesunden Glieder oder gar das Leben kosten.

Erpressungen jeder Art waren auf der Tagesordnung. Alle nicht jüdischen Schuldner verlangten von den jüdischen Gläubigern die Schuldentilgung ohne Bezahlung oder gar die Rückgabe des Geldes für längst bezahlte und verbrauchte Waren, sonst drohten sie mit Anzeigen, „dass ihnen die Waren angeblich zu teuer verkauft worden waren“ oder „dass er (der Jude) auf den Führer geschimpft hätte“ und ähnliches. Diese Erpressungen hatten bei den eingeschüchterten Juden immer Erfolg.

Auf der Strasse wurden Autos jüdischer Besitzer (von Aerzten und anderen Berufen) von unbekannten Personen „requiriert“. […]

Bald begann auch der legale Raub durch die kommissarischen Leiter, die die Aufgabe hatten, die jüdischen Geschäfte zu „liquidieren“ oder zu „arisieren“. Es wurde solange liquidiert und arisiert, bis die Geschäfte zumeist in den Besitz der kommissarischen Leiter selbst übergingen, ohne dass der jüdische Besitzer irgendwelche Entschädigungen bekommen hätte.

Reiche Hausbesitzer mussten, um Deutschland verlassen zu können, die Reichsfluchtsteuer entrichten. Sie war so hoch bemessen, dass die Häuser selbst nicht reichten, diese Steuer zu decken. So musste auch das ganze mobile Vermögen dafür verwendet werden.

Viele hielten diese Drangsalierungen nicht aus und begingen Selbstmord. Die Zahl der jüdischen Selbstmörder betrug einige Hundert.