Dok. 01-161
Jüdische Rundschau: Rede von Rabbiner Joachim Prinz im April 1935 über die soziale und kulturelle Isolation der jüdischen Bevölkerung

Daß wir im Ghetto leben, das beginnt jetzt in unser

  • Chronologie
  • Personen
  • Stichworte
  • Skript
 
  • 1933
 
  • 1935
 
  • 1938
 
  • 1939

Dr. Joachim Prinz (1902–1988), Rabbiner; 1926–1937 liberaler Rabbiner in Berlin; nach 1933 wegen seiner Reden gegen das NS-Regime mehrmals verhaftet; 1937 Emigration in die USA.

[…]

Daß wir im Ghetto leben, das beginnt jetzt in unser Bewußtsein zu dringen. Dieses Ghetto freilich unterscheidet sich in vielem, im Begriff und in der Wirklichkeit, von dem, was wir bisher darunter verstanden.

[…]

Das mittelalterliche Ghetto wurde abends geschlossen. Hart und grausam fiel das Tor zu. Sorgsam wurden die Riegel vorgeschoben: man kam aus der „Welt“ und ging in das Ghetto. Heute ist es umgekehrt. Wenn sich unsere Haustür hinter uns schließt, kommen wir aus dem Ghetto und gehen in unser Heim. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Das Ghetto ist kein geographisch umgrenzter Bezirk mehr, wenigstens nicht in dem Sinne, wie es das Mittelalter kannte. Das Ghetto, das ist die „Welt“. Draußen ist das Ghetto für uns. Auf den Märkten, auf der Landstraße, in den Gasthäusern, überall ist das Ghetto. Es hat ein Zeichen. Das Zeichen heißt: nachbarlos. Des Juden Los ist: nachbarlos zu sein. […]

Wir würden das alles nicht so schmerzlich empfinden, hätten wir nicht das Gefühl, dass wir einmal Nachbarn besessen haben.

[…]