Dok. 01-129
Internationales Ärztliches Bulletin: Artikel vom Juli/August 1934 über den Mord an Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg

Vom deutschen Nach­richtenbureau wurde die Meldung in die Welt gesetzt, daß Erich Mühsam

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Erich Mühsam (1878–1934), Schriftsteller; Anarchist und Kriegsgegner; 1919 wegen Beteiligung an der bayer. Rätepublik in Haft; 1925–1929 aktiv in der Roten Hilfe, 1926–1933 Hrsg. von Fanal. Anarchistische Monatsschrift; von Ende Februar 1933 an Haft in verschiedenen Gefängnissen und KZ, von Januar 1934 an im KZ Oranienburg, dort am 10.7.1934 ermordet.

 

Richtig: Kreszentia Mühsam (1884–1962). Seit 1915 mit Erich Mühsam verheiratet, emigrierte sie nach dessen Tod in die Sowjetunion. Dort war sie jahrelang in Lagern inhaftiert; 1955 Ausreise in die DDR.

[…]

Vom deutschen Nachrichtenbureau wurde die Meldung in die Welt gesetzt, daß Erich Mühsam, der unerschrockene Kämpfer, Dichter und Sänger der Freiheit, seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht habe. Alle, die diesen aufrechten Mann kannten, wußten, daß Erich Mühsam niemals seinen Kerkermeistern den Gefallen des freiwilligen Todes erweisen würde. Jetzt hat seine Witwe, Frau Zensl Mühsam, die in diesen Tagen nach Prag gelangen konnte, in einer Pressekonferenz den ganzen Leidensweg durch die verschiedenen Konzentrationslager geschildert. Gleich nach dem Reichstagsbrand verhaftet, wurde er in den berüchtigten Lagern von Sonnenburg, Oranienburg und Brandenburg in unvorstellbarer Weise in den sog. „Judenkompagnien“ viehisch mißhandelt, zu Boden getreten, mit Gummiknüppeln und Fäusten geschlagen. Am 9. Juli 1934 sagte ihm der Sturmbannführer Erhardt: „Wie lange gedenken Sie eigentlich noch auf dieser Welt herumzugehen? Wenn Sie nicht innerhalb von zwei Tagen Selbstmord begehen, wird man nachhelfen!“ Erich Mühsam lehnte den freiwilligen Tod mit aller Entschiedenheit ab. Am Abend des gleichen Tages hat man nachgeholfen. Die Leiche zeigte Spuren am Hals, daß Mühsam offenbar an einem Strick geschleift wurde, und zwar so, daß der Kopf auf der Erde aufgestoßen ist. Denn der Hinterkopf war zertrümmert. Auf dem Totenschein ist auch nicht Selbstmord als Todesursache angegeben worden, weil kein Arzt das unterschreiben wollte. Frau Mühsam, deren Mitteilungen in der Pressekonferenz und in den Zeitungen aller Länder begreiflicherweise großes Aufsehen erregten, verlangte mit Recht die Obduktion der Leiche. Sache der Weltöffentlichkeit muß es sein, über die Berichterstattung hinaus ihre Pflicht zu erfüllen und die Befreiung der zahlreichen bedrohten Kämpfer zu erzwingen.

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