Dok. 01-038
Otto Marx berichtet über seine Festnahme in Weiden und seine Haft im ersten offiziellen Konzentrationslager in Deutschland, Dachau im März/April 1933

Am 23. Maerz 1933 kam Polizei und S.S. in mein Geschaeft

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Otto Marx (*1890), Kaufmann; 12.4.1933–18.11.1935 Haft im KZ Dachau; im Juni 1938 Emigration in die USA.

 

Bei den Ermordeten handelte es sich um den Volkswirt Dr. Rudolf Benario (1908–1933), den Studenten Arthur Kahn (1911–1933) sowie um Ernst Goldmann und Erwin Kahn.

 

Hans Steinbrenner (1905–1964), Kaufmann; März–November 1933 Wachmann im KZ Dachau, SS-Mitglied; im Mai 1945 Internierung, 1952 Verurteilung zu lebenslänglicher Haft, entlassen ca. 1962.

Bericht für ein Preisausschreiben der Harvard University (1940)

 

[…]

Am 23. Maerz 1933 kam Polizei und S.S. in mein Geschaeft, um Haussuchung zu halten. Sie durchsuchten das ganze Geschaeftslokal, saemtliche Buecher und alles was nicht niet- und nagelfest war. Als die Durchsuchung im Laden beendet war, forderten sie mich auf, mit ihnen in die im 2ten Stock des Hauses gelegene Wohnung zu kommen. Hier wiederholte sich dasselbe Schauspiel, sie durchstoeberten die ganze Wohnung und stellten alles auf den Kopf. Das Einzige, was sie fanden, war eine Beitragskarte der Demokratischen Partei, welcher ich angehoerte. Meine Frau hatte verschiedene Silbersachen und Bestecke mit in die Ehe gebracht. Diese Sachen packten sie in einen Koffer. Hierauf nahmen sie den Koffer und mich mit zur Polizeiwache und sagten meiner Frau, dass ich in ½ Stunden wieder daheim sein werde. Der Koffer mit Inhalt wurde nach kurzer Zeit meiner Frau wieder zugestellt, ich jedoch wurde behalten. Ich moechte noch bemerken, dass der Inhalt des Koffers unangetastet war und dass ausnahmsweise nichts davon gestohlen war, wie es sonst im 3. Reich ueblich ist. […] Ich selbst wurde nun von der Polizei und S.S. in das Landgerichtsgefaengnis Weiden eingeliefert. Ich kam in eine kleine Zelle, in welcher sich schon 2 meiner Leidensgefaehrten, auch Juden, befanden. Die Behandlung im Gefaengnis war gut. Wir konnten uns Essen und Rauchmaterial von unseren Angehoerigen bringen lassen und auch deren Besuch empfangen. […] In der Nacht von dem 11. auf den 12. April machte sich im Gefaengnis eine grosse Geschaeftigkeit bemerkbar. Frueh um 3 Uhr oeffnete sich die Tuere meiner Zelle und man forderte mich auf, mich fertig zu machen. Als ich angekleidet auf dem Hofe erschien, stand bereits ein grosses Transportauto bereit, um mich nebst 28 Gefangenen nach dem Konzentrationslager Dachau zu ueberfuehren. Wir wurden nun belehrt, wie wir uns waehrend der Fahrt zu verhalten haetten und [es] wurde uns gesagt, dass bei dem geringsten Fluchtversuch sofort scharf geschossen wuerde. Die Polizei und Nazis waren bis an die Zaehne bewaffnet und haetten bei dem geringsten Vorkommnis von ihrer Waffe Gebrauch gemacht. In der Naehe der Stadt Ingolstadt wurde Halt gemacht und die Gefangenen durften auf freiem Felde ihre Notdurft verrichten. Ich hatte Gelegenheit, mich mit dem Fuehrer des Transportes zu unterhalten und frug denselben, was denn gegen mich vorlaege, dass ich auch mit nach Dachau kaeme, nachdem ich mich in meinem ganzen Leben niemals politisch betaetigt habe. Dieser Fuehrer war derselbe, der seiner Zeit das Silber wieder zurueckgesandt hat. Er sagte wortwoertlich zu mir, es tut mir furchtbar leid, aber ich muss meinen erhaltenen Befehl ausfuehren. Drei Juden haben wir in Weiden verhaftet, einer davon ist schwer herzleidend, einer ist polnischer Staatsangehoeriger und der Dritte sind Sie. Ich habe den Befehl erhalten, mindestens einen Juden mitzubringen, und das Los hat eben sie getroffen. Aber es liegt ja nichts gegen Sie vor und in einigen Wochen sind Sie bestimmt wieder zu Hause. Nun ging die Fahrt weiter und mittags um 12 Uhr langten wir in Dachau an. Das Lager war eine fruehere im Weltkrieg 1914-18 in Betrieb gewesene Munitionsfabrik. […] Ich bekam an diesem ersten Tage bereits einen bitteren Vorgeschmack, denn es wurde nicht mit Ohrfeigen und Schlaegen gespart, obwohl ich selbst an diesem Tage noch glimpflich davon kam. […]

Am gleichen Tage meiner Ankunft, am 12. April 1933 abends 5 Uhr, kamen 4 S.S. Leute ins Gefangenenlager und riefen 4 junge Juden im Alter von 19–24 Jahren auf. Diese 4 Gefangenen wurden in den sich hinter dem Lager befindlichen Walde gefuehrt. Der Fuehrer der Truppe befahl nun Marsch-Marsch, das heisst Springen, und die Leute wurden auf der sogenannten Flucht erschossen. […]

Inzwischen war der 25. April 1933 heran gekommen, der fuer mich ein denkwuerdiger Tag werden sollte. An diesem Tage kamen sehr viele Transporte aus allen Gauen, es waren viele Juden dabei, es wurde furchtbar geschlagen und das Blut floss in Stroemen. Die S.S. Wachtruppe befand sich in einem Blutrausche. Ich hatte schon gehofft, mit heiler Haut davon zu kommen, aber ich wurde an diesem Abend eines anderen belehrt. Gegen Abend 7 Uhr kamen 2 S.S. Leute in meine Unterkunft und sagten zu mir, ich solle zum Lagerverwalter kommen. Ich meldete mich dort selbst und der Verwalter sagte zu mir, gehen Sie nur dort durch diese Tuere. Ich befand mich in einer Arrestzelle. Um mich herum verteilten sich 4 S.S. Leute, jeder in der Hand ein[en] Ochsenziemer. Sie empfingen mich mit dem Ruf: Saujude, Schweinehund und aehnlichen unflaetigen Redensarten. In dem Raume befand sich ein Holzbock und [dort] befahlen mir meine Peiniger, mich darueber zu legen. Ich protestierte heftig gegen diese Behandlung, dass ich 4 Jahre im Weltkrieg mitgemacht habe und fuer Deutschland gekaempft habe. Als ich meine Arme zur Abwehr bewegte, zog der beruechtige Massenmoerder Hans Steinbrenner seine entsicherte Pistole und setzte mir solche an die Schlaefe. Ich hatte nur noch Gedanken an Frau und Kind und so ergab ich mich in mein Schicksal. Sie schlugen nun auf mich ein und ergoetzten sich noch daran. […]