Dok. 01-035
Hertha Nathorff, Ärztin und Psychotherapeutin, notiert am 16. April 1933 ihre Eindrücke von einer Versammlung des Bundes deutscher Ärztinnen in Berlin

Versammlung des Bundes deutscher Ärztinnen. Wie regelmässig ging ich

  • Chronologie
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  • Skript
 
  • 1933
 
  • 1935
 
  • 1938
 
  • 1939
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937

Dr. Hertha Nathorff (1895–1993), Ärztin und Psychotherapeutin; 1922–1928 leitende Ärztin des Frauen- und Kinderheims des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin-Lichtenberg, 1923–1938 Praxis in Berlin; 1922–1933 Leiterin der ersten Frauen- und Familienberatungsstelle in Berlin, Vorstandsmitglied der Ärztekammer Berlin; 1939 Emigration nach Großbritannien, 1940 in die USA.

Tagebucheintrag

 

Versammlung des Bundes deutscher Ärztinnen. – Wie regelmässig ging ich auch heute hin, trafen sich doch hier stets die angesehensten und bekanntesten Kolleginnen Berlins. „Komische Stimmung heute“, dachte ich und so viele fremde Gesichter. Eine mir unbekannte Kollegin sagte zu mir: „Sie gehören doch wohl auch zu uns?" und zeigt mir ihr Hakenkreuz an ihrem Mantelkragen. Ehe ich antworten kann, steht sie auf und holt einen Herrn in unsere Versammlung, der sagt, er habe die Gleichschaltung des Bundes namens der Regierung zu verlangen. „Die Gleichschaltung". Eine andere Kollegin – ich kenne sie, sie war meine Vorgängerin im Roten Kreuz und damals ziemlich linksstehend – wegen Untüchtigkeit und anderer nicht sehr feiner menschlicher Qualitäten war sie s.Z. entlassen worden – sie steht auf und sagt, „Nun bitte ich also die deutschen Kolleginnen zu einer Besprechung ins Nebenzimmer –." Collegin S., eine gute Katholikin, steht auf und fragt: „Was heisst das – die deutschen Kolleginnen?" – „Natürlich alle, die nicht Jüdinnen sind", lautet die Antwort. So war es gesagt. Schweigend stehen wir jüdischen und halbjüdischen Ärztinnen auf und mit uns einige „deutsche" Ärztinnen – Schweigend verlassen wir den Raum, blass, bis ins Innerste empört. Wir gingen dann zu Collegin Erna B., zu besprechen, was wir tun sollen. „Geschlossen unseren Austritt aus dem Bund erklären", sagen einige. Ich bin dagegen – die Ehre, uns herauszuwerfen, will ich ihnen gerne gönnen, aber ich will wenigstens meinen Anspruch auf Mitgliedschaft nicht freiwillig preisgeben. Nun will ich sehen, was weiter kommt. – Ich bin so erregt, so traurig und verzweifelt, und ich schäme mich für meine „deutschen" Colleginnen!