Dok. 01-030
Kardinal Faulhaber schreibt am 8. April 1933 an den katholischen Theologen Alois Wurm über dessen Protest gegen die Judenverfolgung

Verehrter Herr Doktor!
Ihre Epistel über das Presse-Elend

  • Chronologie
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  • Skript
 
  • 1933
 
  • 1935
 
  • 1938
 
  • 1939
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937

Michael von Faulhaber (1869–1952), kathol. Theologe; 1903 Professor für das Alte Testament an der Universität Straßburg, 1910 Bischof von Speyer, 1917 Erzbischof und 1921–1952 Kardinalerzbischof von München und Freising.

 

Dr. Alois Wurm (1874–1968), kathol. Theologe; 1919 Gründer und Hrsg. der Zeitschrift Seele. Wurm hatte vergeblich versucht, in einer (nicht ermittelten) großen kathol. Zeitung einen kritischen Artikel zum antijüdischen Boykott zu veröffentlichen. In seinem Brief an Faulhaber hatte er beklagt, dass keine kathol. Zeitung bisher gegen die Judenverfolgung Stellung bezogen habe.

Verehrter Herr Doktor!

Ihre Epistel über das Presse-Elend der Gegenwart hätten Sie an eine andere Adresse richten müssen. Der beiliegende Zeitungsartikel, den ich anbei wieder zurückgebe, wäre wohl aufgenommen worden, wenn Sie ihn mit Ihrem Namen gezeichnet, also ganz auf Ihre Verantwortung genommen hätten. Ich nehme an, daß in der nächsten Nummer der „Seele“ ein flammender Protest gegen die Judenverfolgung unter Ihrem Namen erscheint, und noch mehr würde der Presse der Mut wachsen, wenn es einen einzigen gäbe, der den Mut besäße, einen solchen Protest als Flugblatt mit seinem Namen drucken zu lassen und auf der Straße zu verteilen.

Dieses Vorgehen gegen die Juden ist derart unchristlich, daß jeder Christ, nicht bloß jeder Priester, dagegen auftreten müßte. Für die kirchlichen Oberbehörden bestehen weit wichtigere Gegenwartsfragen; denn Schule, der Weiterbestand der katholischen Vereine, Sterilisierung sind für das Christentum in unserer Heimat noch wichtiger, zumal man annehmen darf, und zum Teil schon erlebte, daß die Juden sich selber helfen können, daß wir also keinen Grund haben, der Regierung einen Grund zu geben, um die Judenhetze in eine Jesuitenhetze umzubiegen. Ich bekomme von verschiedenen Seiten die Anfrage, warum die Kirche nichts gegen die Judenverfolgung tue. Ich bin darüber befremdet; denn bei einer Hetze gegen Katholiken oder gegen den Bischof hat kein Mensch gefragt, was man gegen diese Hetze tun könne. Das ist und bleibt das Geheimnis der Passion.

Mit ergebenem Gruß