Dok. 01-021
Henriette Necheles-Magnus, Medizinerin, beschreibt Solidaritätsbekundungen während des antijüdischen Boykotts am 1. April 1933 in Wandsbek

Als ich morgens zur Praxis kam, sah ich schon

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Dr. Henriette Necheles-Magnus (1898–1977), Medizinerin; von 1908 als Ärztin in Krankenhäusern in Wandsbek und Hamburg tätig, 1924–1935 eigene Praxis; nach 1936 Emigration in die USA.

Bericht für ein Preisausschreiben der Harvard University, 1940


Als ich morgens zur Praxis kam, sah ich schon von weitem zwei stramme S.A. Männer vor meinem Eingang stehen. Über der Tür klebte ein grosses Plakat: Ein schwarzer Hintergrund mit einem leuchtenden gelben Fleck in der Mitte. Ich ging in meine Sprechstunde durch die Hintertür und setzte mich an meinen Schreibtisch. Zuerst musste ich meine weinende Einhüterin trösten. Ich bekam die Antwort: Wir schämen uns so für unsere Volksgenossen! (ihr Mann war Werftarbeiter). Gegenüber war ein kleines Eiergeschäft, das von einer Jüdin geleitet wurde (ihr Mann war im Kriege gefallen), auch davor die beiden Schutzengel. Um 9 Uhr begann die Sprechstunde, 9 h 10 kam die erste Patientin. Aufgeregt, schnaubend, dass man sie hindern wollte zu ihrem Doktor zu gehen! „Sind wir in der Zeit der Christenverfolgung??“ – 9 h 20 Lärm vor der Tür: „Wir wollen zu unserm Doktor!!!“ S.A. Mann: „Die ist ja gar nicht da, die hat sich gedrückt!“ Darauf geht mein Mädchen an die Tür: „Frau Doktor ist da. Sie sind nicht berechtigt, die Sprechstunde zu stören, sie sind nur da um zu zeigen, dass es ein jüdischer Doktor ist.“ So ging es weiter und weiter, die Patienten kamen und kamen mit Blumen, mit kleinen Gaben: „Wir wollen Ihnen zeigen, was wir von dieser Politik halten.“ „Ich bin nicht krank, Doktor, ich komme um zu sehen, wie es Ihnen geht." Eine kleine Handarbeit, die "Boykottdecke" liegt noch heute in meinem Zimmer. Eine Patientin häkelte sie für mich in jenen Tagen, um mir ihre Zuneigung zu beweisen. –

[…]

Im ganzen war der Boykott unpopulär und wurde nach einem Tag abgebrochen, da die Bevölkerung noch an derlei Spektakel nicht gewöhnt war.

Mein schöner gelber Fleck wurde von einem davon beleidigten Nachbarn abgemacht. Er kratzte ihn nachts heimlich ab („Die arme Frau Doktor!").